Emergent Forum 2010

Bevor ich schon wieder nicht dazu komme, hier mal ein paar Gedanken zum Emergent Forum 2010, das am vergangenen Wochenende in Essen stattfand. Zunächst mal ein herzliches „Dankeschön“ an das Orga-Team von Emergent Deutschland, das sich irrsinnig viele gute Gedanken und noch mehr Mühe gemacht hat, diese auf bestmögliche Weise umzusetzen. Auch die Mitarbeiter des Weigle-Hauses waren fantastisch, vielen Dank auch dahin. So richtig habe ich es leider nicht geschafft, mir mal ein genaueres Bild der Arbeit dort zu machen, aber nach der Atmosphäre nach zu urteilen scheint es etwas ganz Besonderes zu sein.

Es war das erste Mal, das ich an einem Emergent Forum teilgenommen habe und es war – auf einen Nenner gebracht – eine tolle Erfahrung. Vor allem, so viele Leute erstmalig zu treffen (Simon De Vries, Cedric Weber, Daniel Weber, Peter Aschoff, Tobias Künkler, Walter Färber, DoSi – hab ich jemanden vergessen?), die ich teilweise schon seit Jahren aus dem Netz kenne, war ein klarer Höhepunkt. Simon de Vries schrieb, dass man sich schon ein recht genaues Bilder der Leute durch Kommunikation im Netz zu machen kann, die man mit ihnen führt, und ich kann dem nur beipflichten.

Bevor ich zu inhaltlichen Dingen komme noch eine Vorbemerkung: Ich bin mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem ich zu klassisch organisierter Religion kaum noch Zugang finde. So sehr ich es genieße, mich mit anderen Christen zu treffen und mit ihnen über die Wege zu reden, in denen Gott uns begegnet, so unverständlicher erscheint es mir, dafür einen Sonntagmorgen zu opfern und ein Programm mit Predigt, komischer Musik und anderen „Programmpunkten“ über mich ergehen lassen zu müssen. Dazu vielleicht später mal mehr.
Generell ging es um die „Suche nach einem dritten Weg“ zwischen Kirche und Gesellschaft (vielleicht wäre hier schon eine Weiterfassung des Begriffs ‚Kirche‘ günstig gewesen, denn die spontane Assoziation dazu dürfte immer noch die organisierte Ortskirche sein).
Eine Session, die ich am Samstag Vormittag besucht habe, war die über Machmißbrauch und emotionale Erpressung in kirchlichen Gemeinden, geleitet von Walter Färber. Hier gab es gute und interessante Gedanken, zu denen ich aber noch einen hinzufügen möchte. Das ganze Problem ist wirklich Komplex, wurde für meinen Geschmack aber zu sehr aus binnen-kirchlicher Sicht betrachtet. Beginnt das Problem des Machmißbrachauchs nicht schon dem Moment der Professionalisierung? Ich glaube, jeder „Leiter“, der sich dadurch seinen Lebensunterhalt verdienen muss, wird früher oder später Menschen manipulieren, vielleicht eher unbewusst als bewusst. Was eine Kirche aber von einem Karnickelzüchterverein unterscheidet ist die im- oder explizite Forderung nach Authentizität ihrer Mitglieder. Dadurch werden sie automatisch verletzlich und leichter manipulier- und erpressbar. Dazu kommen noch Phänomene wie die Neigung mancher Menschen zu Ideologisierung von Religion oder eine Tradition des Gehorsams und schon hat man ein nur schwer zu durchdringendes System von Abhängigkeiten, das besagten Dingen Vorschub leisten kann.

Weiter ging es am Nachmittag mit einer Session mit dem Titel „Schleier sind sexy“, bei der es um ein Nachdenken über eine neue (sic) Tradition eines mystisch geprägten Zugangs zu einer Gotteserfahrung geht, die als Reaktion auf eine ständige Verfügbarkeit Gottes gesehen werden kann, die Arne Bachmann exemplarisch an der charismatischen Tradition festgemacht hat („Jesus is my boyfriend“-Lyrics bei modernen „Lobpreis“-Liedern). Hier wurde es mitunter ziemlich interessant, was allerdings nicht zuletzt daran lag, dass sehr unterschiedliche Kenntnisstände der Materie bei den Teilnehmern vorhanden war. Leider verhinderte dies eine etwas tiefergehende Diskussion, was schade war, denn Arne hatte ganz interessante Texte von dem mir sehr verehrten Peter Rollins rausgesucht. Und auch hier fiel mir auf, das manche Teilnehmer nur im Rahmen von Gottesdienstgestaltungen denken konnten, und grade hier hätte man mal schauen können, welche Möglichkeiten sich außerhalb von normalen Gemeinden ergeben können.

Die nächste Session beschränkte sich zu meinem großen Bedauern darauf, Begriffsdefinition zu entwickeln. Es war ja ganz interessant, die Begriffe „Erleben‘, „Erfahren“ und „Offenbarung“ voneinander zu trennen, aber damit dann nichts zu machen erschien mir wenig ergiebig. (Eine Betrachtung aus psychoanalytischer Sicht hätte mich z.B. interessiert, man hätte sich fragen können, wo und wie diese Modi ihre Analogien im triadischen Modell der Psyche finden bzw. repräsentiert werden.)

Was noch war:

– Der ‚alternative Worship‘ war interessant, mir aber zu viel an dem Abend. Die musikalische Begleitung der Band „Kontemplatief“ fand ich ziemlich gelungen (bis auf den Namen, der geht echt gar nicht. Hallo Wortspielhölle!).
– In welcher Realität wird ein Frühstück bei McDonalds an „Nahrung“ angesehen?
– Andi Gerlach hat mich dankenswerter Weise auf den aktuellen Stand der Literaturwissenschaft gebracht. Schade, dass ich bei der Rückfahrt so dermaßen fertig war, ich hätte mich gerne noch länger mit ihm darüber unterhalten. Vielen Dank auf jeden Falls fürs Mitnehmen!
– Es war toll, das meine Freundin Karin mitgekommen ist. Habe unsere Gespräche sehr genossen.
– Der klassische Gottesdienst am Sonntag war dahingehend völlig passend, weil der Pastor eine ziemliche Ähnlichkeit mit Slavoj Zizek hatte. Hehe.
– Sandra Biels!
– Schade, das so wenig Leute getwittert haben. Aber die Twitterwall war toll, vielen Dank dafür.
– Alle Klischees über die Emergent Conversation stimmen natürlich – fast nur schwarzrandige Brillen, Macs und iPhones (allerdings kein iPad! Was war los?)
– Ich hätte mich gerne mit einigen länger unterhalten, wie z.B. mit Walter Färber. Ich hoffe, dazu wird es bald noch kommen.

Für das nächste Mal würde ich mir vielleicht weniger Programm wünschen. Eine Stunde pro Session war viel zu wenig. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn es überhaupt kein Programm gäbe – Es sind so viele interessante Leute dabei, dass sich sich mit Sicherheit irre interessante Konstellationen von ganz alleine ergeben.

So, das soll jetzt reichen. Nochmal danke für das tolle Wochenende, ich werde noch einige Tage brauchen, um mich davon zu erholen…


wort ist das falsche wort

Sehr schönes, neues Album namens „Krokus“ haben sie gemacht, die Erdmöbel.

wort ist das falsche wort
es ist mehr akkord
ach, ist unsagbar schwer zu sagen
ich hör nicht auf zu fragen
maria oder so
polarlicht von palermo

Beschreibt nebem einem doch etwas anderen Zugang von Markus Berges zu seinen Texten auch sehr gut meinen derzeitigen Blick auf Gott.


Kirche & Homosexualität

Peter Aschoff hat einen sehr lesenswerten Post über Homosexualität und Kirche geschrieben und dabei vor allen Dingen einige Argumente von Walter Wink zitiert, die gegen die Möglichkeit sprechen, eine Sexualnorm aus der Bibel zu extrahieren.


Ein Besuch im Anverus-Haus in Aumühle

Yotin hatte eingeladen: Am 28.2. sollte eine Lesung aus dem Buch „Beziehungsweise Leben“ mit ihm und einem der Herausgeber, Daniel Ehniß, im Ansverus-Haus in Aumühle bei Hamburg stattfinden. Es handelt sich dabei um ein evangelisches Exerzitienhaus mit klösterlicher Atmosphäre, in dem Yotin Kantor ist. Da ich seinen Text über Kontemplation in besagtem Buch sehr berührend fand und ausserdem seinen Blog sehr gerne lese und es darüberhinaus noch eine Teilnahme an den Meditationszeiten geben sollte, wollte ich gerne dabei sein.


Sieht nur auf dem Photo aus wie das Bates Motel: Das Ansverus-Haus

Um 16 Uhr ging es mit einer Begrüßung der Spritualin des Hauses, Dr. Kirstin Faupel-Drevs, los, die dann für die weitere Moderation an Anja Neu-Illg abgab. Daniel las als ersten Programpunkt Abschnitte aus seinem sehr guten Text über die beziehungsbedingte Identität des Menschen, der von den ca. 35 Teilnehmern angeregt und auch kritisch diskutiert wurde. Danach war es bereits kurz vor 18 Uhr und wir konnten am ‚Complet‘, dem Abendgebet des Hauses teilnehmen. Dieses fand im ‚heimlichen Zentrum‘ des Exerzitienhauses statt, der Krypta, die vor 20 Jahren in den Keller gebaut wurde, und bei der es mir beim ersten Betreten wortwörtlich den Atem verschlug:


Die Krypta vom Eingang aus (Bild: Ansverus-Haus)


Vom Altar aus (Bild: Ansverus-Haus)

Ich bin ja kein grosser Charismatiker und so sind mir aussergewöhnliche emotionale Regungen im spirituellen Bereich eher fremd, aber die Atmosphäre in diesem Raum ist wirklich besonderes, zumindest für mich der ‚thinnest place‘, an dem ich bislang war. Das Complet folgte einer strengen Liturgie, die ich – eigentlich erstmalig – nicht als gezwungen empfand, sondern als adäquaten Umgang mit der an diesem Platz praktizierten Spiritualität.

Danach gingen wir wieder nach oben und Yotin las seinen bereits erwähnten Text vor, der m.E. eine hervorragende Einführung in das kontemplative Gebet darstellt und auch die schweren Seiten dieses Weges nicht unerwähnt lässt. Er erzählte auch seine Schlüsselerfahrung mit Stille, die er vor einigen Jahren in einem kleinen Zimmer in Portugal hatte.

Auch über diesen Text wurde diskutiert und danach gab es Abendessen. Nach einigen interessanten Tischgesprächen löste sich die Gruppe auf und die meisten fuhren nach Hause. Ich ging mit Daniel rüber in einen Bungalow, in dem wir übernachteten und trank mit ihm noch ein Bier.

Der nächste Morgen begann um 8 Uhr mit einer halbstündigen Meditation in der Krypta, auf die ich mich natürlich besonders freute. Sie folgte wieder einer Liturgie und berührte mich emotional tatsächlich ganz schon heftig. Danach folgte das Frühstück, und da ich noch etwas Zeit bis zu meiner Abfahrt hatte, setzte ich mich nochmal für eine Stunde in die Krypta und genoss noch etwas das ‚absichtlose Verweilen bei Gott‘.

Seitdem ich Anfang letzten Jahres einige längere Blogeinträge zu Franz Jalics Buch „Kontemplative Exerzitien“ las habe ich den Eindruck, das dies ein Weg ist, dem ich auch folgen sollte und die Erfahrungen dieser anderthalb Tage haben mich nochmal darin bestärkt. Ich fühle mich noch ganz am Anfang und merke vor allem, was für eine Herausforderung es darstellt, sich von Gott an diesen dunkeln Ort führen zu lassen, aber ich merke eben auch, wie sinnvoll dies sich mit meinen sonstigen Erfahrungen – einer teilweise vollkommenen Sprachlosigkeit Gott gegenüber, einer Unmöglichkeit, in den gewohnten Formen Frieden zu finden z.B. – verbindet.

Das Ansverus-Haus ist wirklich ein besonderer Ort und liegt landschaftlich wunderschön am Rande des Sachsenwalds. Es werden über das Jahr einige Kurse und Veranstaltungen im Bereich Spiritualität angeboten und es eignet sich auch perfekt für Klausuren oder um mal ein paar Tage mit Gott zu verbringen. Ich werde sicherlich nicht das letzte Mal dagewesen sein.


Beziehungsweise Leben – Lesung in Hamburg

Einige werden vielleicht das Buch „Beziehungsweise Leben“ von Daniel Ehniß und Björn Wagner kennen. Am 28. Februar wird von 16 – 21 Uhr eine besondere Veranstaltung zu diesem Buch im Hamburger Ansverus-Haus stattfinden. Yotin Tiewtrakul und Daniel Ehniß werden aus ihren Kapiteln lesen, es wird ein Gespräch geben und die Möglichkeit, in die Krypta, den Raum der Stille, einzutreten. Man kannst sich bereits jetzt über den passenden Facebook-Eintrag anmelden und informieren. Für weitere Infos oder deine Anmeldung kannst man sich an Yotin (cantor (at) ansverus-haus.de) wenden. (Der Flyer lässt sich mit einem Klick vegrößern)


Everlasting punishment

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(via)

Love it.


me me me

„The church is like a person who gets invited to a party and only talks about himself.“
Alan Roxburgh
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