John Piper, die Emerging Church und ich

Seit einigen Monaten wird in verschiedensten Blogs darüber diskutiert, in wie weit die Bewegung „Emerging Church“ noch existent ist und ob es nicht vielmehr angebracht sei, sich davon zu verabschieden. Ich wollte schon länger etwas dazu schreiben, denn ich verdanke dieser Bewegung viel und jetzt liefert mir dieses Video von John Piper eine exzellente Vorlage:

Generell gebe ich ihm recht: In 10 Jahre wird niemand mehr von Emerging Churches reden. Ich bin ja wirklich erst sehr spät zu dieser Party erschienen (2006) und von Anfang an erschien mir dieser Begriff nur als Platzhalter für ein ganzes Bündel an Fragen an die moderne Christenheit. Wenn, habe ich den Begriff nur gebraucht, um schnell mal ganz grobe Abgrenzungen oder Einordnungen zu schaffen, aber das brauchte ich kaum, weil deutsche Evangelikale heute kaum mehr als damals zu wissen scheinen, was damit überhaupt gemeint ist. In den USA mag das anders sein, aber trotzdem ist dieser Begriff letzlich zu einem Schlagwort verkommen, in dessen Schatten sich immer die gleichen Diskussionen in den Blogkommentare ergaben. Ich trauere dem Begriff sicher nicht hinterher, aber ich habe trotz des geringen Bakanntheitsgrades in Deutschland die Hoffnung, dass diese Bewegung den Humus geschaffen hat, der dem Nachdenken über die bekannten Fragestellungen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Nahrung geben kann.

Ich habe nicht viel von Piper gelesen, aber trotzdem bin ich einigermaßen fassunglos, dass er sich zum einen auf das Niveau herabläßt, billige Andeutungen über das Privatleben einiger vermeintlicher „leader“ zu machen, um damit die ganze Bewegung zu diskreditieren und zum anderen – wie alle anderen Kritiker – über Personen spricht, und nicht über Ideen. Es gibt ja das bekannte, in diesem Zusammenhang etwas gemeine Zitat von Eleanor Roosevelt „Great minds discuss ideas, average minds discuss events, and little minds discuss people.“ – Piper ist sicherlich kein „little mind“ – aber für mich hat sich die gesamte Emerging Conversation immer an Fragestellungen entlang entwickelt, nicht an irgendwelchen „leadern“ und schon gar nicht daran, irgendwelche anderen Dinge ausser Jesus ins Zentrum zu stellen, wie er behauptet. Wenn die meisten EC-beeinflußten Gemeinden z.B. eine stärkere Betonung auf Beziehungen legen und weniger Doktrin-zentriert sind (wenn überhaupt), dann dürfte das eher als spezifische Antwort auf eben diese Fragen passiert sein und nicht aus dem Bedürfnis heraus, jetzt mal irre häretisch sein zu wollen. Piper verwechselt m.E. da Ursache und Wirkung. Interessant ist ja auch zu sehen, wie unreflektiert er den Begriff „Wahrheit“ benutzt und als Erklärung einfach nur mit seiner Bibel in der Luft rumwedelt – als wäre nicht genaus DAS eines der größten Probleme, was genau den diese „Wahrheit“ sein soll. Und anstatt  wirklich mal der Frage nachzugehen, tut er das, was die meisten Kritiker der ES tun, die sich noch nicht mal im Ansatz damit beschäftigt haben – sie reden über Leute anstatt über Fragen und Probleme.

Es scheint für viele Evangelikale tatsächlich nicht vostellbar, das sich der kritische Geist dieser Bewegung tatsächlich auch auf bekannte Personen ausdehnt und nicht alles bejubelt wird, was Brian McLaren oder Doug Pagitt oder wer auch immer veröffentlichen. Wie in jeder Bewegung gibt es auch hier Personen, die viel darüber bzw. über diese Fragen geschrieben haben und nach aussen hin eine zentrale Rolle einnehmen mögen, aber Dinge zu behaupten wie Brian Mclaren sein der „Guru“ der Emerging Church grenzt schon an eine bösartige Verleumdung, denn Piper sollte es eigentlich besser wissen. Aber es ist so viel einfacher, sich über Zitate irgendwelcher Leute oder besser noch ihr Privatleben zu ereifern als sich zu fragen, was genau denn die biblische „Wahrheit“ ist oder warum Schwule und Lesben nichts von der Kirche wissen wollen.

Dies alles muss man natürlich auch vor dem Hintergrund sehen, und ich traue mich kaum, es nochmal zu schreiben: Es gibt keine „Emerging Churches“. Es gibt eine Conversation, an der sich Kirchen beteiligen, und diese könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Arbeit von Nadia Bolz-Weber in Denver kann man kaum mit den den Veranstaltungen von Peter Rollins vergleichen, und doch beteiligen sich beide an diesem Diskurs.

Die EC als Bewegung mag verschwinden, aber meine Hoffnung ist, das sich die Ansätze von Menschen, sie sich der Frage gestellt haben, wie man im 21.Jahrhundert an einen liebenden, persönlichen Gott glauben kann, in der Zukunft an den verschiedensten Stellen niederschlagen werden. Sei es in evangelikalen Gemeinden, in der Arbeit mit marginalisierten Personengruppen oder in neuen Clustern, die völlig andere Wege beschreiten. Aber die Zeit, weiterzumachen, als hätte sich die Welt in den letzten 100 Jahren nicht verändert, ist jetzt auch für die Christen vorbei.


One Comment on “John Piper, die Emerging Church und ich”

  1. Alex sagt:

    Ja.
    Für mich war der Name EC auch immer rein „praktisch“; inzwischen auch manchmal eher „unpraktisch“; bestimmt mit Verfallsdatum. Ich werde ihn nicht vermissen.

    John Piper mag kein „little mind“ sein; ein „great mind“ ist er offensichtlich aber auch nicht, das merkt man an seiner unterirdisch-platten Kontrastierung von „relationships“ und „truth“; aber ehrlich gesagt: solche Kontrastierungen kennt man auch umgekehrt aus, äh, der EC.
    Mir ist darum auch bisher noch kein EC-Autor untergekommen, dessen „Fan“ ich werden wollte (auch wenn mich Brian McLaren auf Facebook dazu eingeladen hat, Fan von sich zu werden).
    Fan-tum würde auch gar nicht zur EC passen, jedenfalls so wie ich sie verstehe. Allerdings halte ich es für durchaus möglich, dass das in den USA teilweise auch anders abgeht.
    (Übrigens: Die von Piper ziemlich übertrieben dargestellte McKnight-Review des McLaren-Buches findet sich hier (http://bit.ly/b81GGS) und ist, wie ich finde, sehr lesenswert.)


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