Geschichten aus der Wüste.

Einer der Hauptgründe, aus denen ich damals(©) dieses Blog angefangen habe, war, mich quasi selber auf meinem Weg zu einer intensiveren und reflektierteren Spiritualität zu begleiten. Jetzt nach über einem Jahr Pause die alten Beiträge zu lesen ist schon sehr interessant, denn aus dieser Distanz sehe ich deutlicher die Veränderungen und Verschiebungen, die mein Leben mit Gott so im letzten Jahr erfahren hat. Ich kann dies weniger an konkreten Dingen festmachen als an einer Geisteshaltung, die nicht mehr die gleiche ist wie vor einem Jahr. Andererseits hat sich vieles verfestigt, das in meinen Gefühlen für das Christentum im Allgemeinen und meiner Rolle darin konkret angelegt war.

Um nur 2 Beispiele zu nennen: Es war für mich immer ein Widerspruch, mit Gott leben zu wollen, aber keinerlei karitativer Tätigkeit nachzugehen, schließlich hat Jesus selber einen Großteil seiner Zeit damit verbracht, sich um Arme und Ausgegrenzte zu kümmern. Dank der Hilfe der Christlichen Freiwilligenagentur arbeite ich jetzt ehrenamtlich in einem Cafe für sich prostituierende Frauen und Drogenabhängige mit, was mir allein spirituell übrigens mehr gibt als alle Kirchenbesuche der letzten 10 Jahre.

Außerdem habe ich im Dezember meinen letzten Versuch beendet, in einer traditionellen Kirche eine spirituelle Heimat zu finden. Im Mai 08 bin ich (zumindest meinem Empfinden nach) aus einer Kirche rausgeworfen worden, in die ich über 2 Jahre lang meine Zeit, mein Geld und vor allem mein Herz investiert hatte, weil ich unverheiratet mit meiner Freundin zusammengelebt habe und damit auch kein Problem hatte. (Vor einigen Monaten gab es übrigens eine kurze Aussprache mit einem der Verantwortlichen, nach der ich meinen Frieden mit der Sache machen konnte, wiewohl die Enttäuschung natürlich bleibt.) Danach bin ich in die Gottesdienste des Berlinprojekts gegangen, die zwar ein sehr junges Publikum haben, welches aber letztlich doch eine traditionelle, konsumorientierte Freikirche mit den bekannten hierarchischen Strukturen und teilweise konservativen Ansichten ist. Ich habe damit kein Problem und freue mich für jeden, der sich dort wohlfühlt, aber ich spüre deutlich, dass dort nicht mein Platz ist.

Vor allen in den letzten beiden Jahren habe ich gemerkt, dass mein Hauptthema in meiner spirituellen Entwicklung der Wunsch ist, eine grössere Nähe zu Gott zulassen zu können. Meinem Gefühl nach ist mir dies nicht gelungen, obwohl ich im Rückblick kleine Fortschritte erkennen kann, die aber meinen Hoffnungen und Erwartungen nicht im Ansatz entsprechen.

Ich habe mich (und Gott) natürlich sehr oft gefragt, woran das liegt und was ich dagegen machen könnte, und bin auf dieser Suche im Frühsommer 09 über Walter Färbers Blog auf Frank Jalics und sein Buch ‚Kontemplative Exerzitien‘ gestoßen. In der ersten Begeisterung habe ich sofort versucht, die Exerzitien selbst zu machen, bin daran aber, nunja, gescheitert.

Einen Hinweis auf das ‚warum‘ lieferte mir die Einleitung des Buches, in der Jalics (übrigens ein Jesuit) über einen traditionell-katholischen, dreiteiligen Weg zu Gott schreibt. Dieser besteht zum einen aus dem „Reinigungsweg“ und dem „Erleuchtungsweg„, die als Ziel haben, schädliche „Haltungen zu überwinden und psychische Komplexe zu sanieren“. Die ‚Exerzitien‘ beschäftigen sich nun allerdings mit dem letzten Abschnitt des Weges, dem „Vereinigungsweg„, von Jalics auch „kontemplatives Gebet“ genannt. Hier übernimmt „Gott die Initiative, und der Mensch muss sich ausschliesslich ihm überlassen. Im Gebet richtet er seine Aufmerksamkeit einzig und allein auf Gott. Gott handelt.“ Auch wenn meine Sehnsucht nach diesem Abschnitt des Weges groß ist so merke ich, dass Gott in meinem Leben noch einiges tun muss, dass man den ersten beiden Wegen zuschlagen kann (wobei diese Abschnitte für mich nicht strikt getrennt sind, es läuft vieles parallel).

Ebenso hilfreich fand ich auch Jalics Kapitel über „Wüstenerfahrungen“. Dort schreibt er, dass Gott viele seiner Leute ersteinmal in die Wüste geschickt habe (so wie auch Jesus), um sie für alles Weitere vorzubereiten (Die Exerzitien beschreibt er auch als „begrenzte und geführte Wüstenerfahrung.). Yotin Tiewtrakul erwähnt in seinem Text über den Prozeß der Kontemplation (zu finden in dem Buch „Beziehungsweise Leben„) „ausweglose und unerträgliche Situationen“, die es während des Prozesses zur Kontemplation hin zu bewältigen gäbe. Diese Zeiten kenne ich ebenfalls sehr gut, vor allem im Eindruck eines kompletten Desinteresses Gottes an meinen Versuchen, ihm näher zu kommen. Das ging bei mir an einem Punkt bis zu dem Gefühl, das er mich hat komlett aulaufen lassen. Die Metapher der Wüste passt für mich derzeit sehr gut auf das Erlebte.

Da, so meine ich, bin ich jetzt also. Die letzten Jahre waren für mich eher geprägt von Dekonstruktionen überkommener Vorstellungen, wie Gott wohl sei und spricht und wie ich wohl sei und mich zu ihm verhalten müsse. Das hat mich mitunter sehr weit dem entfernt, was man so als „Christentum“ versteht, mir aber auch eine Weite geschenkt, von der ich eher hoffe, das sie Gottes Geist entspricht. Mir ist nicht klar, wie es weitergeht und schon gar nicht, wann. Aber vielleicht kann ich trotz meiner angeborenen Ungeduld als Indiz für die Validität meiner ‚Einsichten‘ folgendes anführen: Mit dieser Perspektive habe ich es auf ein Mal nicht mehr eilig. Ob es nun 5 Monate oder 5 Jahre dauert, bis ich eine grössere Nähe zu Gott spüre, ist nicht wichtig. Gott weiss es. Das reicht.


3 Kommentare on “Geschichten aus der Wüste.”

  1. Summa Sumarum sagt:

    Warum an einen Gott glauben, der etwas von einem fordert, was man vielleicht gar nicht erreichen kann? Wir sind hier doch nicht in der Schule.

  2. onkeltoby sagt:

    Das ist wahrscheinlich eine rethorische Frage, aber trotzdem eine kurze Antwort: Mir fiel dazu ein Posting von Richard Beck neulich ein, das ich hier mal verlinke:

    http://experimentaltheology.blogspot.com/2010/02/way-truth-and-life.html

    Mir hat sich Gott niemals fordernd gezeigt, ganz im Gegenteil. Für mich ist das ein Angebot, das ich annehmen oder ablehnen kann. Ich habe mich für das Annehmen entschieden. Das geht für mich aber nicht ohne die Bereitschaft, sich von Gott verändern zu lassen, ich würde sogar behaupten, dass dies der einzige Maßstab für den Glauben allgemein ist: Wenn es Dich nicht transformiert, ist es für den Arsch (und ich meine jetzt nicht: Macht es Dich glücklich).

  3. Depone sagt:

    // sehr schön, dass du hier wieder schreibst.


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