Die Sprache

Seit einiger Zeit wird es mir immer wichtiger, eine neue Sprache für meinen Glauben zu finden. Obwohl (post)strukturalitisch geschult habe ich bislang nicht reflektiert, warum das für mich so zentral geworden ist. Ich bin ja grosser Lacan-Fan und neige dazu, seine Meinung zu teilen, wenn er sagt, dass das Unterbewußte wie eine Sprache strukturiert sei. Pete Rollins hat das (mal wieder) schön auf den Punkt gebracht:

„The real choice to be made is thus not between staying or going from a particular church. Rather it is a meta-choice concerning whether I continue to interact with the linguistic system that sustains the church or step into an unknown space outside that linguistic system.“

Das ist natürlich nicht ganz einfach bei einem Buch-zentrierten System, und wenn man bedenkt, dass mit diesem Buch meine Sprache normiert wurde, erscheint das als kaum zu bewältigen. Aber ich glaube, es gibt keinen anderen Weg, wenn man es ernst meint mit der Absicht, die Geschichte von Jesus ernsthaft für eine postmoderne, westeuropäische, urbane Umwelt des 21. Jhdt relevant zu machen. Vielleicht ist es wie mit einem Gedicht: Die Worte bestimmen die ausgelösten Assoziationsketten und Referenzen, und auch der „Sinn“ (so er sich denn überhaupt konstituieren lässt) erfährt dadurch eine Änderung, obwohl er mit anderen Worten einen ähnlichen Ausdruck fände. Genauso ist meine aktuelle Lebenswelt mit einer Sprache, die bis zu 500 Jahre alt ist, nicht mehr adäquat abzubilden, und diese ist somit auch nicht fähig, meine Spiritualität zu symbolisieren.

Es geht natürlich nicht darum, jetzt einfach andere Begriffe für die selben Ideen zu finden (obwohl das schonmal ein Anfang wäre). Nein, Dinge wie z.B. ‚Sünde‘, „Kirche‘ und „Reich Gottes‘ brauchen eine Generalüberholung in Bedeutung und Ausdruck. Ich frage mich, ob ich vielleicht auch aufhören sollte, mich als „Christ“ zu sehen. Nicht, weil das etwas Schlechtes wäre und ich mich von meinen Altvorderen distanzieren möchte (was allerdings ein Bedürfnis ist, das ich nur allzugut kenne), sondern weil der Begriff mittlerweile Dinge evoziert, zu denen ich keinen Bezug mehr habe.
Eine Alternative habe ich noch nicht gefunden, aber ich habe Zeit. Und genauso, wie ich nicht zu allem eine Meinung haben muss, brauche ich vielleicht auch nicht zu allem einen Begriff.


7 Kommentare on “Die Sprache”

  1. francis sagt:

    ich bin da sehr deiner meinung. nur ist es wirklich nicht einfach seine sprache zu ändern, gerade wenn man damit großgeworden ist (und das bin ich nicht mal). ich denke auch, dass wir neue menschen nicht mit alten bzw. insiderbegriffen erreichen, die niemand von ihnen mehr versteht (oder bloß noch in verbindung mit eis).

    bei mosaik versuchen wir das, aber es ist wirklich schwer umzudenken und neue begriffe zu finden. wir wissen bspw. bis heute noch nicht wie unser sonntagstreffen eigentlich heißt (es ist nämlich KEIN gottesdienst), und was unser pastor da eigentlich macht, wenn er zu uns spricht (es ist KEINE predigt – inoffiziell sprechen wir von einem „talk“, aber ich mochte diesen begriff nie, weil er mich irgendwie an schlechtes fernsehen erinnert).

  2. John sagt:

    Hmmm…ein Stück weit kann ich denk ich verstehen was du meinst, aber gleichzeitig würde ich dir in einigem, was du da schreibst, nicht zustimmen (kann na klar sein, dass ich dich einfach falsch verstehe).

    Laut Johannes war ja am Anfang „das Logos“, […] und das Logos war selbst Gott. Mir scheint, unser Vertrauen(!) in die Fähigkeit der Sprache, dass sie Realität vermitteln kann, ist in der unveränderlichen Natur Gottes begründet. Das wäre vielleicht auch ein Grund, warum laut 2. Mose z.B. die Zehn Gebote von Gott mit tatsächlichen Worten auf Stein gemeißelt wurden. Für mich drückt das eine gewisse Unveränderlichkeit und damit auch Vertrauenswürdigkeit aus, nicht, weil etwa die Worte selbst magisch wären, sondern weil das dahinterstehende Logos unveränderlich und vertrauenswürdig ist.

    Selbstverständlich sind die verschiedenen Sprachen der Welt im Fluß, doch so wie ich das christliche Weltbild verstehe, ist das dahinterstehende Logos 1. unveränderlich und 2. durch Sprache abbildbar (natürlich nicht perfekt abbildbar).

    Nebenbei: Selbst Derrida höchstpersönlich regte sich ja bekanntlich mal fürchterlich drüber auf, dass jemand eine seiner Essays misinterpretiert hat. 🙂

    Gedanken dazu?

  3. tobiK sagt:

    Na das benannte ‚logos‘ am Anfang des Johannesevangelium ist doch das beste Beispiel dafür wie radikal die frühen Christen ihre Sprache verändert haben, um das im jüdischen Kontext proklamierte Evangelium in einen griechisch sprechenden und denkenden Kontext zu übersetzen…

  4. John sagt:

    Das ist richtig, und die Notwendigkeit des „Übersetzens“ seh ich durchaus. Allerdings nimmt Johannes ja hier sowohl das griechische (logos=Logik+Realität) als auch das jüdische Weltbild (logos=Torah) und stellt beides mit „das Wort wurde Fleisch“ auf den Kopf: hier nimmt also das christliche Weltbild nicht etwa das griechische oder das jüdische Denken kritiklos an, sondern benutzt deren Vokabular, um auf die Realität hinzuweisen: dass Wahrheit eine Person (Gott selbst) und keine unpersönliche Realität ist.
    D.h. Übersetzung: ja.

    Das, was mir halt ein wenig Bauchschmerzen bereitet, ist diese Stelle:

    „Es geht natürlich nicht darum, jetzt einfach andere Begriffe für die selben Ideen zu finden (obwohl das schonmal ein Anfang wäre). Nein, Dinge wie z.B. ‘Sünde’, “Kirche’ und “Reich Gottes’ brauchen eine Generalüberholung in Bedeutung und Ausdruck. Ich frage mich, ob ich vielleicht auch aufhören sollte, mich als “Christ” zu sehen.“

  5. Onkel Toby sagt:

    John,

    Wenn ich Dich recht verstehe, dann vermutest Du, dass es einen nicht-arbiträren Zusammenhang zwischen Signifikant und Signifikat gibt? (Ich spreche kein Griechisch, aber bedeutet Logos nicht gleichzeitig Wort und Sinn?) Interessanter Gedanke, den ich aber nicht nachvollziehen kann. Da bin ich eher de Saussure geprägt.

    Ich gehe ebenfalls davon aus, dass, um es jetzt mal ganz platt zu formulieren „Gott unveränderlich“ ist. (Ist es das, was Du mit dem unveränderlichen Logos meinst?). Aber ich halte die Fähigkeit der menschlichen Erkenntnis für sehr begrenzt, vielleicht sogar so begrenzt, dass die Aussage „Gott ist unveränderlich“ phänomenologisch kaum noch Relevanz besitzt. Wenn die Erkenntis aus einem komplexen Zusammenhang sozialer Interaktionen besteht, die niemals völlig gleich sind, dann gibt es für mich auch keinen Grund, eine einheitliche Sprache zu benutzen. Die Sprache verändert sich, und mit ihr die die in Ihr ausgedrückten Ideen. So gesehen wäre es ja eher eine Treue zum „Logos“, wenn man versucht, Idee und Ausdruck zu aktualisieren.

  6. Ich bin ganz Deiner Meinung, OT, was Deinen Blog-Eintrag angeht. Die Kommentare kann ich nur überfliegen und nicht nachzudenken versuchen, weil ich zZ mehr in Pädagogik denn in Philo./Theologie stecke. Viel Glück bei diesem – wahrscheinlich – Dein Leben lang dauernden Werk! Denn davon bin ich überzeugt: Alle wollen so glücklich sein wie möglich. Dabei sind mir diejenigen am sympathischten und nahesten, die es am stärksten versuchen, das Glück zu erreichen.

  7. jonjon sagt:

    Das Zitat von Pete Rollins finde ich sehr interessant.
    Wäre die Wahl zwischen Sprache und einem „wittgensteinschen“ Mysterium nicht vergleichbar mit der Wahl zwischen Mystizismus und „biblischem Gesetz“?
    Denn der Raum außerhalb der Sprache ist für uns nicht erreichbar, es sei denn, Wittgenstein hat recht und es gibt diese mystische Erfahrung. Doch wie errichtet man einen Glauben auf dieser unerreichbar scheinenden Erfahrung?


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