Tales from the Ghetto

Gestern Abend wollte ich mit meiner alten Freundin Tina noch einen trinken gehen, als ich auf dem Weg nach unten im ersten Stock an einer offenen Tür vorbei kam. In der Wohnung war niemand und es brannte auch kein Licht. Dann erst bermerkte ich, das ein Teil des Türrahmens herausgebrochen war. Die Polizei war in knappen vier Minuten mit gleich 5 Leuten vor Ort und nahm meine Personalien auf.

Ich konnte sehen, dass in der Wohnung einige volle Kartons standen und vermute, dass hier wohl die junge Frau eingezogen war, die ich neulich mit der Hausverwalterin am Briefkasten getroffen hatte. Direkt hinter der Tür stand auch ein Katzenklo; vom Tier fehlte allerdings jede Spur.

Das Leben in Neukölln wird immer unschöner. Vielleicht sollten wir uns hier doch langsam aus dem Ghetto verabschieden. Ein Wohnungseinbruch gehört mit zu meinen ultimativen Horrorvorstellungen, und ab jetzt werde ich Licht und Radio anlassen, wenn ich aus dem Haus gehe und die Liebste auch nicht hier ist.


idea watchblog

Ich muss zugeben, dass ich mich nie viel mit der idea beschäftigt habe. Ich habe über die Jahre immer mal wieder ein paar Artikel gelesen und meist mit dem Kopf geschüttelt (wie zuletzt bei dem „Bericht“ über die Emerging Church), aber deshalb vielleicht auch den Einfluss unterschätzt, den diese Publikation bei deutschen Christen besitzt. Weswegen ich auch die Einrichtung eines eigenen „watchblogs“ zunächst etwas belächelt und für ziemlich überzogen gehalten habe.

Als ich aber gleich im zweiten Beitrag lesen musste, dass nicht nur Dr. Helmut Matthies, sondern gleich drei weitere Redakteure und Mitarbeiter von idea zur den Autoren der rechtsradikalen Wochenzeitung „Junge Freiheit“ gehören, sind mir kurzzeitig die Gesichtszüge entgleist. Natürlich weiss ich nicht, über was genau geschrieben wurde und es finden sich in dieser Liste auch (wenige) Leute wie Rolf Hochhuth, aber der Verdacht liegt bei gleich vier Leuten aus der Redaktion schon nahe, dass idea sich ideologisch nicht allzuweit von der Jungen Freiheit befindet – und die im watchblog kritisierte Meldung nährt diesen Verdacht.

Willkommen in meinem Feed Reader.


Top Dingens 07

Mal wieder Zeit für eine Jahres Top Dingens.

Musik

Ich empfand es als ein ziemlich durchschnittliches Jahr, im Gegensatz zu 2006 gab es eigentlich kaum etwas, das mich komplett vom Hocker gehauen hätte. Einige alte Meister sind zurück (Merle Haggard mit einem Bluegrass-Album, das ich aber leider noch nicht hören konnte), Porter Wagoner mit der letzten Platte vor seinem Tod, Charlie Louvin, Levon Helm) und ein paar neue (Harrington, Sheehy!) wurden geboren. Also eigentlich alles wie immer.

1. Rachel Harrington – The Bootlegger’s Daughter

Rachel habe ich vor ein paar Jahren mal getroffen, weil sie mit einem Freund von mir zusammen war und ihn hier besuchte (Sie lebt, glaube ich, in Seattle). Sie sagte damals, dass sie ja auch Musikerin sein u.s.w. und ich dachte nur, ja, voll interessant, noch eine Singer/Songwriterin… Als ich dann dieses Jahr ihr erstes Album bekam, musste ich mich etwas schämen, denn diese Platte ist fast perfekt – vom Songwriting über die Arrangements bis zum Gesang kann man da wohl kaum was besser machen. Und Seele hat das Album für 10.
Anspiel-Tipp: Shoeless Joe

2. The Felice Brothers – Tonight at the Arizona

Wenn man so will war „Tonight at the Arizona“ der Soundtrack zum Tod meines Vaters. Ich habe es wärend dieser Wochen fast täglich gehört und so hat es sich unzertrennlich mit dieser Zeit verwoben. Erinnert sehr an alte The Band/Basemant Tapes-Aufnahmen, allerdings mit einem guten Schuss Punkrock-Dilettantismus. Wie mein Mucker-Kumpel Nils sagte: Die können weder singen, noch ihre Instrumente spielen, aber die Platte ist besser als alles, was wir je zusammen gemacht haben.
Anspiel-Tipp: Roll on, Arte

3. Michael J. Sheehy – Ghost on the Motorway

Irgendwie auch ein Songer/Songwriter, aber eher die London-Im-Nebel-Version. Sehr verhallt und verhuscht, tolle Texte, die sich viel mit Spiritualität beschäftigen, dabei teilweise aber sehr lustig sind. Mit Bloody Nose hat er auch noch das beste Video des Jahres gemacht. Live auf dem OBS dieses Jahr dann der Hammer. Ein netter Typ ist er auch noch. Freue mich sehr auf das Berliner Konzert im Januar.
Anspiel-Tipp: Bloody Nose

4. Levon Helm – Dirt Farmer

Der The Band-Drummer ist vielleicht einer meiner grössten Helden. Ich glaube, das ist sein erstes Album seit 18 Jahren oder so. Alles Covers, aber was für welche. Nach seiner Krebs-OP hat er eine hörbar veränderte Stimme und das Singen scheint ihm nicht immer leicht zu fallen. Aber seine Art, Schlagzeug zu spielen, ist immer noch unkopierbar. Die Platte ist ein einziges Statement des Immer-noch-da-seins. Macht mir manchmal Tränen in die Augen. Sehr empfehlenswert ist übrigens seine The Band-Biographie „This Wheel’s on fire“. Wenn ich endlich reich bin, das wäre einer meiner grössten Wünsche, mal zu einem seiner Matinee-Konzerte in seinem Studio in den Catskills zu fahren.
Anspiel-Tipp: False Hearted Lover Blues

5. Chris & Carla – Fly High Brave Dreamers

Die Walkaboubts empfand ich immer als etwas öde, aber was Eckman und Torgerson solo machen, stellt vieles andere in dem Schatten. Nicht so gut wie „Swinger 500“, eine meiner Inselplatten, aber der Geist ist da. Und tolle Leute sind das auch.
Anspiel-Tipp: Long Slow River

6. Uncle Earl – Waterloo, Tennessee

Eine all-girl Band mit Bluegrass als Hauptingredienz, aber viel Folk und Country ist auch dabei. Tolle Sängerinnen und Instrumentalistinnen mit oft ebenso tollen Songs und viel Mut – Zu einem Song wird der Text in Mandarin deklariert, was unglaublicherweise perfekt passt. Würde ich sehr gerne mal live sehen.
Anspiel-Tipp: The Last Goodbye

7. Iron & Wine – The Sheperd’s dog

Bei Sam Beam ist es immer so, dass mich einige Songs extrem berühren, andere dagegen kaum, obwohl er einen sehr eigenen und speziellen Stil hat. Mein Lieblingsalbum von ihm bleibt nach wie vor „Woman King“, auf The Sheperd’s Dog geht er jedoch einige neue Wege, was die Arrangement betrifft. Das steht der Musik sehr gut. Muss ich vielleicht doch noch öfters hören.
Anspiel-Tipp: House By The Sea

8. Billy Joe Shaver – Everybody’s Brother

Billy Joe Shaver habe ich erst vor 2 Jahren entdeckt. Was für ein Mann, was für ein Leben. Hier mit einer Platte, die thematisch ein Gospel-Album ist, aber musikalisch eher Roots/Country. Die bei ihm sonst meist exzellenten Lyrics sind etwas dünn (wie meistens, wenn Leute über Jesus singen) und Zeilen wie „If you don’t love Jesus, go to hell“ gehen deutlich über meine Erträglichkeitsschwelle, aber was weiss ich schon über sein Leben.
Anspiel-Tipp: Get Thee Behind Me Satan

9. Bonnie Prince Billy – Ask Forgiveness

Was wäre ein Jahr ohne eine Will Oldham Veröffentlichung in den Charts! Eine Coverplatte – nicht so interessant wie die neulich mit Tortoise zusammen, aber trotzdem toll.
Anspiel-Tipp: The World’s Greatest

10. Charlie Louvin – Charlie Louvin

Und noch eine Coverplatte, aber hier von dem grossen Charlie Louvin. Die vielen (anscheinend in diesem Genre mittlerweile üblichen) Gäste hätte es zwar nicht gebraucht, sie stören aber auch nicht weiter.
Anspiel-Tipp: Ira

11. Pat MacDonald – Troubadour Of Stomp

Kenne ich schon seit letzten Jahr. Harte Platte, in jeder Beziehung. Wenn ich Geld habe, fliege ich den für eine Tour ein.
Anspiel-Tipp: Steel Bridge Song

12. Neil Young – Chrome Dreams II

Eigentlich enttäuschend, aber hey, der Mann hat schon wesentlich beschissenere Platten gemacht.
Anspiel-Tipp: The Way

13. Richmond Fontaine – Thirteen Cities

Tolle Band, wieder tolle Platte, kommen aber irgendwie nicht aus dem Quark.
Anspiel-Tipp: Westward Ho

14. Rickie Lee Jones – Sermon on Exposition Boulevard

Wow, vor allem das Konzert war beeindruckend. Ich hoffe, aus dieser Kreativzelle hören wir noch mehr.
Anspiel-Tipp: Falling Up

15. Porter Wagoner – Wagonmaster

Der nächste alte Mann. Sei letztes Album vor seinem Tod und ein würdiger Abschluss seiner Karriere.

16. Ben Weaver – Paper Sky

Zerrissen in gut.

17. SEASICK STEVE – Dog House Music

Blues in gut.

18. Lucinda Williams – West

Hui, hier herrscht Stagnation, die aber immerhin grossartig produziert ist. Trotzdem immer noch besser als z.B. der peinliche Versuch von Solal, Country zu machen.

19. Gob Iron – Death songs for the living

Schönes Uncle-Tupelo-Gedächtnis-Projekt!

20. Rykarda Parasol – Our Hears First Meet

Anstrengend, aber lohnend. Singt wie Siouxsie.

Bücher

Sachbuch

Da muss ich 2 Bücher nennen, da beide für mich dieses Jahr unverzichbar waren:

1.: Green, Peskoe, Russell & Shuffitt – I’m a Lebowski, You’re a Lebowski

Da hatte ich ja vor kurzem schon was zu geschrieben, und das Buch ist wirklich unfassbar gut. Wenn ich es zusammengestellt hätte, wäre ich wohl ähnlich vorgegangen. Shut the fuck up, Donny.

2. Peter Rollins: How (not) to speak of God

Ich habe noch nie etwas gelesen, das meinen Glauben auf eine derart profunde Weise in Frage gestellt und umgekrempelt hat. Als ob man seit 20 Jahren in einem Haus wohnt und irgendwann eine weitere Tür entdeckt, hinder der sich Narnia oder so befindet. Müsste ich das Buch des Jahres küren, das wäre es dann wohl.

Belletristik

Cormack McCarthy – The Road

Habe ich als Hörbuch gehört, gelesen von Christian Brückner. McCarthy kenne ich seit 1998; damals hat Glitterhouse eine Art „Vertonung“ seines Romans „Suttree“ veröffentlicht; die Band kam aus Deutscheland und nannte sich „Buddy & The Huddle“. Danach habe ich ca. 4 Romane von ihm gelesen, die alle exzellent waren. Für „The Road“ hat er endlich den Pulitzer-Preis bekommen. Apokalyptisches Setting, ein Mann und sein Sohn schlagen sich durch ein vom Atomkrieg verwüstetes Amerika. Weniger Endzeitlich als eine Psycho-Studie.

So, das war’s im Groben. Sollte ich die tage noch Lust haben, schreibe ich weitere Listen, aber momentan glaube ich das nicht.


We are Nihilists!

„Because this is a movie about how nothing means anything anymore. LA still exists, but the LA of Raymond Chandler does not. Why does it not exist? Because the noirs of the 40s took place against the backdrop of World War II. The horror and agony and anxiety of that war, which could not be expressed in the actual war films of the day, were instead expressed in the noirs of the day, the darkness and duplicity and violence of detective stories. The Big Lebowski, by contrast, pointedly takes place against the background of the Gulf War, a war which meant nothing and acheived nothing (and, history has shown, did not have a happy ending).“

Todd Alcott interpretiert meinen Lieblingsfilm „The Big Lebowski“ auf eine sehr interessante Art und Weise.
via

UPDATE: Es gibt sogar noch mehr!

UPDATE 2: Manche Dinge sind einfach unglaublich. Ich habe gerade diese beiden Filmanalysen von Todd Alcott gelesen und in einem der Kommentare wird das Buch „I’m a Lebowski, You’re a Lebowski“ erwähnt. Ich dachte noch, wow, das hätte ich wirklich gerne und das ich es dringend auf meinen Amazon-Wunschzettel packen muss. Dann stehe ich auf, mache mir einen Kaffee und gehe die Post holen. Dabei war ein kleines Päckchen von meinem Kumpel Christian, der für einige Monate in San Diego lebt. Ich mache es auf, und es ist GENAU DIESES BUCH drin…
Whoo-hooo! Thanks, mate, thanks, lord.


Ich bin der Markus und habe Jesus lieb.

Gerade zufällig „hart aber fair“ gesehen, es ging irgendwie um Gott. Anwesend waren Markus Lanz, der wohl „Explosiv“ bei RTL moderiert und irgendein Buch über Gott geschrieben hat, Manfred Lütz, der Psychater ist und irgendein Buch über Gott geschrieben hat, Jürgen Becker, der sich immer über Gott lustig macht, Jutta Ditfurth und, ahem, Rainer Holbe, aus welchem Grund auch immer. Der braungebrannte Markus Lanz konnte sich nicht entblöden, über seinen Urlaub bei einem bettelarmen Nomanden zu berichten, den er ob der „Einfachheit seines Glaubens“ beneidete, Chefarzt Lütz wollte Jutta Ditfurth immer mit der Gerechtigkeit kommen, die ja von ausschlieslich von Gott kommt, Jürgen Becker machte immerhin ein paar witzige Bemerkungen, Rainer Holbe wollte sich immer bei Jutta Ditfurth einschleimen, und die sympathischste Person war eben genau sie – Jutta Ditfurth. Schlicht und einfach, weil sie keine Agenda hatte, wie der Amerikaner so treffend formuliert. Sie musste nicht witzig sein, keine Bücher verkaufen und offenbar ging es ihr auch nicht darum, ihre Nase wieder ins Fernsehen zu bekommen.

Mich deprimiert, das Christen in den Medien so oft als Verkäufer rüberkommen, die andere Leute von ihrem Glauben überzeugen wollen, oder noch plumper: Andere Menschen „dort abholen wollen“, wo sie sie dann vermuten. Eigentlich kann es in solch einem Setting nur eine Art von Reaktion geben: Klappe halten, zuhören, nachfragen, Aber bitte bitte bitte nicht erklären wollen, warum Gott alle Menschen liebt.


Simon de Vries

Bitte betet für Simon.


Some kids are not allright

Ich komme gerade vom Scott Matthew-Konzert und Shortbus-Filmvorführung im Babylon und hatte auf dem Heimweg das erstemal in meinen 9 Jahren in Berlin Angst. Am Hermannplatz in der U8 wurde ich von einem ca. 25-jährigen leicht angerempelt. Er setzte sich auf die andere Seite des Waggons und fing anscheinend irgendwann an, mit seinem Kumpel über mich zu reden, was ich aber erst recht spät mitbekam, da ich die letzte Iron & Wine auf meinem iPod hörte. Der Kumpel, „Kevin“, beugte sich dann zu mir rüber und fragte, ob ich seinen Kumpel „blöd angeguckt“ habe (und mein erster Gedanke war, dass ich diese Kindergartenscheisse schon vor 20 Jahren gehört habe und dasss es auch in diesem Falle wohl nichts Neues unter den Sonne gäbe.). Der Kumpel meinte dann irgendwas von „scheiss Deutscher“ und ich würde gleich sehen, was passiert. Kevin schlug vor, dass doch „gleich jetzt“ zu regeln, aber Kumpel hatte bemerkt, dass auf dem Bahnsteig ein Polizist paroullierte.

Dieses Gefühl der Angst, dass in mir hochstieg, hatte ich wirklich lange nicht mehr. Ich habe Neukölln immer als komplett ungefährlich für mich betrachtet, da ich mich weder an den einschlägigen Ecken aufhalte, noch sonst irgendeinen Anlass zur Anmache gebe. Dachte ich.

Ich war mir nicht sicher, was ich machen sollte und bin kurzerhand ausgestiegen, und zum Glück kamen Kevin und sein Kumpel mir nicht hinterher. Danke, Gott, danke, Polizist. Ohne Krankenversicherung in eine Schlägerei zu geraten ist so ziemlich das letze, das ich möchte.

Von diesem Vorfall mal abgesehen habe ich allerdings momentan den Eindruck, dass ich ganz schön unter Beschuss stehe. Derzeit finde ich es oft sehr schwer zu beten, alte Gewohnheiten, die ich hoffte, abgelegt zu haben, kommen wieder und ich habe so einige Zweifel an meiner Beziehung und meiner Zukunft mit Gott. Vor allem macht mir die Gerichtsverhandlung zu schaffen, bei der die Liebste nächsten Montag aussagen muss. Wir hatten vor einigen Monaten jemanden wegen Fahrerflucht angezeigt, der vor unserer Haustür den Mini unserer Nachbarin beim Zurücksetzen mit seiner S-Klasse beschädigt hatte. Ich befürchte bei so etwas immer irgendwelche Racheakte. Seit einiger Zeit bekommen wir auch fast täglich Anrufe mit unterdrückter Nummer, bei denen nach ein paar Sekungen aufgelegt wird. Die Liebste sogar neuerdings auf dem Handy.

Das fühle sich alles nicht gut an. Andererseits habe ich mit Gott im letzten Jahr eine solche Nähe, dass es mich etwas wundert, dass die Angriffe jetzt erst kommen.

Vielleicht kann der eine oder andere mal für uns beten. Das wäre nett.