Der Sommer ist vorbei.

Heute war wohl einer der ersten Tage, an denen die ganze Geschichte wieder hoch kommt, langsam wie ein entfernter Kopfschmerz schleicht sich die Trauer an, bis sie dann da ist und alles, wirklich alles andere verdrängt. Ich bin mir nicht sicher, wie ich damit umgehen soll. Sonst fiel es mir leicht, sie zu verscheuchen, als ob sie ein Vertreter ist, der einem an der Tür irgendeinen Ramsch verkaufen will und nur auf die Unterschrift hofft. Heute habe ich sie hereingebeten, und wenn man Gäste hat, will man, dass sie sich wohlfühlen. Also habe ich mich auf mein Sofa gesetzt und sie hat sich zu mir gesellt; mein Tribut mit der Hoffnung auf Ruhe, wenigstens für eine kleine Weile.

Da ist vor allem immer noch diese Ungläubigkeit, dass dieses Ereignis wirklich Zeit und Raum eingenommen hat und so real ist wie seine samstäglichen Anrufe, die nicht mehr kommen. Erstaunlicher Weise habe ich weniger das Gefühl des entwurzelten „Verlassen-Seins“, dass ich erwarten würde, nachdem beide Eltern tot sind. Mein Gefühl der Trauer ist damit verwandt, aber mir scheint, dass es viel tiefer geht und weniger um etwas, dass jetzt folgt. Es ist eher als ob etwas von mir selber nicht mehr lebt, dass ich nie wirklich gekannt habe und von dem ich weiss, dass es langsam aber sich von Anderem überwuchtert werden wird. Dieses Leben ist jetzt weg, und was bleibt?

Nachdem ich vorletzten Montag nach Köln gefahren bin hat mich mein nächstältester Bruder abgeholt. Ich erinnere mich noch genau, wie ich die Klinke drücke und in die Wohnung komme. Alles so, wie es war – aber der Geist war fort. Mir war, als sein die Wohnung mit meinem Vater gestorben und nur noch eine dünne Hülle. Es ging alles so schnell. Die Beerdingung den Montag darauf, Dienstag kam der Container, Mittwoch Mittag waren die bescheidenen Besitztümer meines Vater bereits auf irgendeiner Kippe.

(Dann noch dieses bizarre Erlebnis: Die alte Mutter des Vermieters wohnt nebenan und kam Dienstag beim Entrümpeln zu uns rüber, um zu kondolieren. Mittwoch morgen um Acht wachen wir von Lärm auf, gehen ans Fenster und sehen, wie sie im Morgenmantel vor dem Container steht; ihr Gärtner steht oben drauf und ist gerade dabei, mein altes Fahrrad herauszuziehen. Ehe ich unten war, haben sie sich aus dem Staub gemacht. Ihrem Sohn gehört das halbe Dorf, in dem mein Vater gewohnt hat.)

Hinterlassen hat er uns wenig; Ich habe zwei Reisetaschen und 2 Wäschekörbe voller Fotos und anderer Dinge mitgenommen; meine beiden anderen Brüder noch weniger. Ich weiss noch nicht, was bleibt. Irgendein kitschiger Gedanke, dass er durch die Liebe weiterlebt, die er uns gegeben hat? Aber vielleicht wäre das gar nicht so kitschig, sondern einfach nur banal, wie der Tod selber auch banal ist.

Weihnachten kommt bald; da bin ich immer zu ihm gefahren, um das irgendwie gemeinsam rum zu kriegen. Nachdem meine Mutter am 2. Weihnachtsfeiertag 1990 gestorben war, hatten wir beide ein etwas distanziertes Verhältnis zu all dem Trubel.

Ich merke, ich komme dem ganzen mit Worten noch nicht bei. Aber das ist vielleicht ein Anfang.