Zielgruppenorientierte Gottesdienste my ass.

Sitze gerade im Bonner Café Göttlich, in dem ich während meines Studiums damals immer verkehrte. Eben spielte sich folgender grossartiger Dialog mit der Bedienung ab:

Ich: „Ich hätte gerne noch ein Ei.“
Sie: „Einen HAI?“
Ich: „Nein. Ein Ei. Haie standen nicht auf der Karte.“
Sie: „Ach so, sorry. Ich bin neu und kenne die Namen noch nicht alle.“

Ich wollte an diesem Wochenende gerne einen Gottesdienst besuchen. In meine alte Baptistengemeinde zu gehen, wäre allerdings das Letzte, das mir in den Sinn gekommen wäre. Ich habe ein bisschen im Netz nach einer Kirche gesucht und wäre gerne mal zu den Jesusfreaks nach Köln gegangen, weil die Leute auf den Photos nett aussahen. Leider haben sie es nicht geschafft, Ort und Zeit ihrer Gottesdienste auf ihrer website bekannt zu geben und hielten es auch nicht für nötig, auf meine mail zu antworten.

Ich bin dann heute morgen nach Bonn in eine Gemeinde gegangen, die sich auf ihrer website betont „hip“ gab, und die mir nicht ganz fremd war, weil ich schonmal in Berlin bei einem Gottesdienst einer Gemeinde dieser Kriche war. Interessanterweise war der Gottesdienst sehr ähnlich zu der Berliner Gemeinde, was in mir kurz eine Franchising-Vermutung auslöste. Sie hatten allerdings keine Band, sondern sangen zu christlichen Mainstream-Rocksongs von CD. Ansonsten gabs eine Ansage, die „worship“ Zeit, eine Predigt und eine Einladung, doch zum essen zu bleiben. Wäre ich vielleicht auch, wenn mich die Predigt nicht so befremdet hätte.

Die zentrale Aussage war: Wenn man keine Leidenschaft für Gott empfindet, die sich in einem expressiven Anbetungsstil ausdrückt, hat man ein Problem mit Gott. Das wäre nämlich ein Hinweis darauf, dass man keine echte Beziehung zu ihm hätte, sondern ihn nur wie einen Automaten behandeln würde. Na schönen Dank auch.

Was mir in letzter Zeit immer häuffiger auffällt und was mir auch beim Lesen der Flyer jener Gemeinde aufgefallen ist, ist der Anspruch vieler Gemeinden, „für“ eine „junge Generation“ o.s.a. Kirche „anbieten“ zu wollen. Jene Gemeinde benutze sogar den Begriff „professioneller Gottesdienst“. Irgendwie scheint es immer noch darum zu gehen, Angebote zu schaffen von denen man dann erwartet, dass sie von der „Zielgruppe“ auch gefälligst genutzt werden sollen.
Junge Menschen hören ja immer so Rockmusik, dann müssen wir eben auch Rockmusik im Gottesdienst haben. Und dann sind sie ja alle immer so visuell geprägt und wir wollen ja nicht von gestern sein, dann drehen wir also Videoclips mit 120 Schnitten in der Sekunde und vielen bunten Lichtern, wie die das ja von MTV kennen.

Als ob man den Gottesdienst für die Menschen machen würde. Was für ein komischer Gedanke. Der von McLaren neulich verlinkte Trevin Wax schreibt völlig zu Recht, dass es nun wirklich nicht die Musik ist, die die „jungen Leute“ in die Gemeinde treiben würde, und ich möchte ergänzen: Es ist auch nicht das „Angebot“, von dem irgendjemand glaubt, damit würde man irgendjemand anderen erreichen.

Es ist schlicht die Gemeinschaft – persönliche und ehrliche Beziehungen, die nichts verkaufen wollen und das Gegenüber ernst nehmen – und nicht nur als Bekehrungsopfer wahrnehmen.

Dann könnte ein Gottesdienst nämlich so aussehen: Jeder bringt etwas mit, was ihm wichtig ist. Die Musik, die wir machen ist die, die wir sonst auch hören. Die Gedichte, die wir vorlesen, finden wir gut und liegen uns am Herzen, weil wir die gut finden und sie uns am Herzen liegen. Mit der show, die wir machen, wollen wir unsere Liebe zu Gott ausdrücken und niemanden „ansprechen“. Alle können mitmachen, nicht nur die, die sich am lockersten auf der Bühne geben.

Ich denke, es ist ein Irrglaube, dass postmoderne Menschen nur an irgendetwas Interesse haben, weil es „professionell“ präsentiert ist. Wenn dahinter nicht eine offene, Gott liebende und sich umeinander kümmernde Gemeinschaft steht, und der Gottesdienst nicht ein ehrlicher Ausdruck davon ist, dann wird die ganze Mühe nicht viel nützen.


9 Kommentare on “Zielgruppenorientierte Gottesdienste my ass.”

  1. andib sagt:

    Amen dazu! Habe aber auch bei mir selber und meiner Gemeinde, die in die selbe Richtung denkt, festgestellt, dass das echt eine komplette Veränderung des Gemeindelebens bedeutet, dass das Zeit und Überzeugung braucht … aber sehr gut ist! Immerhin!

  2. Dirk sagt:

    1. Zielgruppen-Arbeit ist ein zweischneidiges Schwert. Irgendwie ist jede Gemeinde letztlich auf 1-2 (oder so) Zielgruppen zugeschnitten. Automatisch. Geht kaum anders.
    Wenn denn der klassische Sonntagsgodi als DAS Zentrum der Gemeinde angesehen wird.
    Andererseits wäre man als Gemeinde doof, wenn man sich immer wirklich nur auf eine Zielgruppe konzentriert. Das Gucken übern Tellerrand ist gerade für Stadtgemeinden überlebenswichtig.

    2. Ich finde „Professionalität“ gut. Wenn dann wirklich eine authentische und liebevolle Gemeinschaft damit zusammenhängt. Ansonsten haste völlig Recht: Professionell wirken wollen, aber dahinter ist nur „Käse“, ist Käse.

    3. Der Dialog war cool! 🙂

  3. onkeltoby sagt:

    Hi Dirk (und andib),

    zu 1: Ich würde es eher andersrum sehen: Natürlich kommen Leute zu einer Gemeinde, weil sie sich dort wohlfühlen. Ein 70-jähriger wird sich eher selten in einer Gemeinde wohlfühlen, in der hauptsächlich 25-jährige sind (und wenn doch, um so schöner). Aber warum sollte man überhaupt Gottesdienste für irgendjemand anderes ausser Gott machen?

    Zu 2: Ich finde Professionalität in diesem Zusammenhang fehl am Platze. Gerade mit dem Hintergrund, das in den letzten Jahren wirklich alle Lebensbereiche unter den Büttel der Ökonomie gezwängt wurde. Ich finde es gut, dass man versucht, in dem, was man tut, so gut zu sein wie irgend möglich, schon allein deswegen, weil Gott und mit Jesus das Beste gegeben hat was er hatte, aber m.E. sollte die Kirche eine von Markt-prinzipien und Wirtschaftsprinzipien freie Zone sein.

  4. Dirk sagt:

    Hi!

    1. Deinen Ausgangspunkt finde ich sehr gut: Gottesdienste für Gott. Er ist das Zentrum. Ich überlege nur, wie es praktisch aussehen kann.
    Dann wird’s ja recht menschlich. Welche Musik? Predigt jemand und wer? Wird zusammen gebetet oder gibt’s nur Gebet von vorne? Wird der Saal schön gestaltet oder macht man es in einer Bruchbude? Und: Wer versammelt sich da eigentlich?
    Das sind alles Punkte, die dann bestimmte Menschen ansprechen werden und andere nicht (ich z.B. kann mit Orgelmusik nicht wirklich,brauche Lieder mit einer verständlichen Wortwahl und keine Lieder aus dem 16.Jh. (auch wenn es manch gute dabei gibt), würde mich aber auch in einer Bruchbude treffen, brauche herausfordernde und ermutigende Predigten, aber keine trockenen Lehrvorträge etc.).
    Bei diesen Punkten werden die Versammlungen auch für Menschen geschaffen.
    Und alles sollte dazu dienen, dass wir auf Gott ausgerichtet werden.
    Motto: Godis für Gott und den Nächsten, damit der Nächste auf Gott ausgerichtet wird.

    2. Das Vermarkten des Glaubens finde ich auch blöd.
    Wenn ich mir anschaue, wieviel Mist es in manchen christlichen Katalogen gibt (Bücher über christlichen Gartenputz oder christliche Küche – am besten mit einem christlichen Poster in der Küche und einem jüdischen Leuchter auf dem neuesten Stoff aus Israel, während auf dem Fensterbrett die Tasse mit dem Aufdruck steht „Jesus hat auch einen Sünder wie Dich lieb“ … – irgendwann ist es zu viel! Oder: Eine Gemeinde nach marktwirtschaftlichen Prinzipien aufbauen – das passt nicht, denn Geistliches kann vom Wesen her nicht vermarktet werden), dann teile ich Deine Aversion gegen eine „wirtschaftliche Kirche“.
    Bei „Professionalität“ ist vielleicht die Frage, was wir darunter verstehen.
    Ich meine das: Das, was wir tun, sollten wir zur Ehre von Gott und zur Hilfe von Menschen möglichst gut tun.
    Simples Beispiel: Es wäre sehr toll, wenn jemand vor der Versammlung den verschimmelten Käse aus der Stuhlritze nimmt.
    Oder: Wenn jemand einfach keinen Ton beim Singen trifft, dann sollte dieser Mensch während des „öffentlichen“ Teils der Versammlung keinen Sologesang hinlegen.
    Oder: Wenn ich in einem Berliner Kiez mit Arbeitslosen eine Gemeinde gründen will und dann mit einem dicken Schlitten vorfahre, einen schicken Anzug anhabe und eine Akademiker-Sprache benutze, dann ist klar: So werde ich sehr lange brauchen, bevor ich mit den Leuten warm werde.
    Das sind dann Schnittstellen, wo aus der Grundmotivation „Für Gott und den Nächsten“ Qualität erwachsen sollte, z.B. mit Jeans und Schlabberhemd ankommen und eine Sprache benutzen, die auch der seit 10 Jahren arbeitslose Alki-Typ im Kiez versteht. Das finde ich dann professionell.

    Gby,
    Dirk.

  5. onkeltoby sagt:

    Also,

    was die Professionalität betrifft meinen wir wohl beide dasselbe. Aber noch ein Wort zu den Zielgruppen: Natürlich prägen Menschen die Gemeinde. Ich wünsche mir aber eine Kirche, in der sie das zum einen auch wirklich mal tun, also möglichst viele und nicht nur die drei, bei denen sonst immer alles hängen bleibt, und in der man zum anderen keinen Gedanken daran verschwendet, wen das nun ansprechen soll. Mir ist das völlig wumpe. Wichtig ist, dass die Gemeinde das macht, was SIE für richtig hält. Dass sie Lieder singt, die sie mögen (und wenn jemand andere Lieder mag, soll er das vorschlagen und man kann das sicher integrieren). Das sie’s mit der Predigt halten, wie es ihnen passt. JEDER sollte von der Möglichkeit gebrauch machen, die Kirche und den Gottesdienst zu gestalten.

    Es gibt natürlich auch Kirchen, deren Tradition oder Mitglieder einfach einen anderen Stil bedingen. Das war bei mir in der Methodisten-Gemeinde so, in der ich seit 9 Jahre Mitglied war. Irgendwann habe ich festgestellt, dass deren Art, ihren Glauben zu leben, einfach nicht mehr automatisch die meine war (ohne das abwerten zu wollen). Also habe ich meine Sachen gepackt, mir eine andere Gemeinde gesucht und bin aus der Methodistischen Kirche ausgetreten.

    Man kann natürliuch sagen, dass ich nicht die Zielgruppe war. Ich sage lieber: In diesem Setting war es mir nicht Möglich, mit meinen Gaben zu dienen.

  6. Dirk sagt:

    Die Phase, die Du mit den Methos hattest, habe ich jetzt mit einer LKG.
    Habe das Gefühl, dass meine Zeit da abgelaufen ist.
    Bewerte manches nun auch anders, sehe manches nicht mehr so dogmatisch etc.
    Weiß nur noch nicht, wie ich die Koffer packen soll.
    Ihre Art ist okay. Manche fühlen sich gut damit.
    Ich nicht.

    Kennst Du Gemeinden, die das so leben, wie Du es beschrieben hast (Motto: Jeder bringt sich mit seinen Stärken ein…)?
    Oder wie meinst Du, könnte das verwirklicht werden?

  7. onkeltoby sagt:

    Hi Dirk,

    habe gerade mal ein bißchen auf Deinem blog gestöbert und etwas über dieses Projekt gelesen, das Du da machst. Hört sich ganz interessant an! Da ich da trotzdem nicht viel darüber weiss, kann ich mir natrürlich keine Meinung bilden.

    Generell denke ich, dass weder der Christliche Glaube, noch die Idee der Kirche von den etablierten Kirchen gepachtet wurde. Dieses Denken führt nämlich u.a. zu solchen bizarren Situationen, dass eure Mutterkirche euch das Taufen verbietet. Andererseits gibt es gerade im Landeskirchlichen Bereich eine Menge Dinge zu tun, und wenn Du glaubst, dass Gott Dich da berufen hat, würde ich dem auch auf jeden Fall folgen. Und wenn ich das richtig sehe, dass hast Du ja auch schon einiges an Bestätigung von Gott erhalten.

    Es gibt sicher Gemeinschaften, in denen die Idee, das sich alle beteiligen können und sollen, weiter verbreitet ist. In meiner derzeitige Gemeinde ist das auch noch lange nicht so, aber es gibt gute Ansätze. Bei uns gibt es auch keine „Mitgliedschaften“ oder änliche Vereinsmeiereien, im Gegenteil, es gibt eine grosse Offenheit gegenüber Menschen, die die Kirche mitgestalten wollen, was mir und meinen Ideen z.B. sehr zu Gute kommt.

    Wenn Du magst, komm doch Samstag vorbei (Heinrich Roller Str. 13 im Prenzl. Berg), es geht um 18:00 los, nach dem Gottesdienst gibt es was zu Essen und danach bleiebn wir noch zusammen und zu reden oder zu spielen. Ich sitze übrigens am Schlagzeug. Oder geh am Sonntag zu Hoffnung Berlin, die auch bei uns sind. Die sind extrem missionarisch ausgelegt und erreichen mit ihrer Art sehr viele Menschen.

    Ausserdem kann ich Dir das gerade erschienene Buch „Zeitgeist“ von Toby Faix sehr empfehlen. (Siehe rechts).

  8. Dirk sagt:

    Ja, ja … das mit der Landeskirche ist echt so’ne Sache.
    Ist eigentlich nicht so meine Prägung (eher freikirchlich).
    Mal sehen, was sich entwickelt.

    Finde ich gut, dass Ihr nicht so viel Vereinsmeierei habt.
    Durch Mitgliedschaften kann zwar auch was ausgedrückt werden, damit kann auch sinnvoll gearbeitet werden – aber letztlich führt es dann dazu, dass Vereinssachen sehr wichtig genommen werden – wichtiger als das, was Gott wichtig ist.
    Passiert bei uns in der LKG leider auch immer wieder.

    Diesen SA kann ich nicht, weil wir mit dem evang. Projekt in Staaken sind.
    Aber ich werde mir in den nächsten Wochen mal Freiraum nehmen und stilles Häschen spielen. 🙂

    Wie findest Du das Buch „Zeitgeist“?

  9. Onkel Toby sagt:

    Das Zeitgeist Buch ist ja eine Sammlung von Berichten und Essays zum Thema, und da ist sicherlich nicht alles für jeden interessant und bei ein paar Beiträgen frage ich mich schon, ob’s die jetzt gebraucht hätte, aber insgesamt ein interessanter Versuch, zu schauen, was es hierzulande gibt und zu denken, was es geben könnte. Auf der theoretischen Seite (die mir immer am nächsen ist), finde es etwas dünn; ich denke, es gibt tiefgreifendere Gründe, warum das Christ sein im 21. Jhdt aussehen könnte und müsste, als es hier zur Sprache kommt. Manches ist immer noch mit einem „modernen“ Mindset geschrieben (Thomas Weissenborn z.B.), aber da wir uns je eigentlich mitten in einem Umbruch befinden, ist das schon sehr lesenswert.


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