Ein Leben, 1927-2007

Seit Donnerstag war er in einer Reha-Klinik. Am Tag seines Transports hat mein Cousin ihn noch besucht und erzählt, dass er richtig wach war, ihn erkannt, seine Hand gedrückt und sogar versucht hat, zu sprechen. Heute morgen hatte er eine Blutung, man hat ihn noch mit einem Krankenwagen zu einem Hospital gefahren, doch den Transport hat er nicht mehr überlebt. Ich hätte ihn so gerne noch mal gesehen.

Wenn man soft genug auf einen Satz starrt, dann löst sich sein Sinn für gewöhnlich in Nichts auf. Ich habe den Satz „Mein Vater ist gestorben“ heute so oft gesprochen und geschrieben und warte immer noch darauf, dass sich mir seine Bedeutung erschliesst. Morgen früh fahre ich nach Köln, um die Beerdigung zu organisieren und die Wohnung aufzulösen und ich frage mich gerade, was wohl beschissener sein wird. Vielleicht wird mir sein Tod erst bewußt, wenn seine Wohnung nicht mehr da ist und es noch nicht mal mehr einen physischen Ort gibt, der mich mit ihm verbindet.

Die Dinge passieren, und Gott weiss es. Mehr kann ich gerade nicht an Trost aufbringen.


Zu Besuch beim Motoki-Kollektiv in Köln

Neulich hatte Francis vom Bodenpersonal in einem Post auf das Motoki-Kollektiv aus Köln hingewiesen. Da ich ja derzeit in der Nähe bin, habe ich mich am Sonntag abend mit Francis und seiner Liebsten zum dortigen Abschluss-Gottesdienst ihrer „Goldener Oktober“-Woche verabredet.

Während dieser Zeit gab es in dem alten Ladenlokal in der Kölner Stammstr. neben anderen Aktionen ein 24/7-Prayer, Konzerte und verschiedene Installationen im Keller und im Lokal, die sich u.a. mit der Frage beschäftigten, was uns wertvoll ist – daher auch der Gold-Bezug.

Das Motoki-Kollektiv ist keine Gemeinde, sondern eher eine Gemeinschaft von Christen, die ihre eigenen Vorstellungen von Anbetung und Gottesdienst verwirklichen wollen, was ihnen auf absolut beeindruckende Weise gelingt. Derzeit gibt es zwar regelmäßige Treffen, aber keine Gottesdienste, und so war das Treffen am Sonntag abend, dem wir beiwohnen durften, schon eine Ausnahme.

Erwartungsgemäß passierte nicht viel von dem, was man sonst in einem Gottesdienst erwarten würde – es wurde nicht gebetet, und gesungen wurde auch nicht. Dafür haben 2 Leute „I’ve been looking for freedom“ von Hassel Daviidhoff gecovert (was eigentlich eine schöne Idee war, die sich m.E. allerdings noch besser hätte vermitteln können, wenn man den Song ernsthaft und nicht übertrieben ironisch gespielt hätte).Dann gab es eine Bildermeditiation, die aus Fotos von Dingen bestanden, die Leute aus dem Kollektiv als für sich wertvoll empfanden.

Anschliessend hat jemand dann noch eine Art „Predigt“ (wenn man so will) über diese Bilder und unser sowie das biblische Wert-Verständnis gehalten, die viele schöne Gedanken hatte.

Alles in allem ein wirklich schöner Abend; ich fand es nur etwas schade, dass die Leute offensichtlich lieber unter sich geblieben sind. Wir saßen etwas getrennt von den anderen an einem Tisch in der Nähe der Tür, aber es hat uns niemand angesprochen oder sich zu uns gesetzt. Dafür habe ich mich etwas mit der Frau unterhalten, die hinter der Theke stand und die sehr nett und offen war.

Vor allem hat mich beeindruckt, mit wieviel Liebe und Mühe an der Einrichtung und an dem 24/7 Gebetsraum gearbeitet wurde. Es gibt wohl 2 Designer in der Gruppe, die offensichtlich sehr genau wissen, was sie tun, und so wirkten die Räume sehr stylisch, aber nicht kalt.

Wenn ich bei Köln Leben würde, dann wäre ich sicheröich öfters mal da. Ich bin sehr gespannt, wie es mit dem Motoki-Kollektiv weitergeht.


What’s going on

Vor drei Tagen hat mein Vater über Nacht Fieber bekommen. Ein Arzt hat einen Bauchwanddurchbruch disgnostiziert und und er wurde sofort vom CT in dem OP geschoben. Dort stellte man fest, dass er ein Loch im Magen hatte, durch das Keime in dem Bauch eingedrungen sind, die zu einer Bauchfellentzündung und dem Durchberuch geführt haben. Um die Naht nicht durch Husten z.B. zu gefähren, muss er jetzt wieder bin Montag narkotisiert bleiben, d.h. der Prozeß des Aufwachens verzögert sich und beginnt erstmal wieder von Neuem.

Ich merke, dass ich nach drei Wochen hier an meine Grenzen komme. Die ständige Fahrerei zur Intensivstation, nur um festzustellen, dass sich eigenlich kaum was gebessert hat oder es schlimmer geworden ist, die ständigen Schuldgefühle, weil ich mit meiner Arbeit hier nicht nachkomme und die Tatsache, dass ich meine Liebste sehr vermisse haben dazu geführt, dass ich mir ein Flugticket für Dienstag abend besorgt habe. (Bahn war zu teuer und zu unzuverlässig und für Mitfahrzentralenabenteuer bin ich zu alt). Ich freue mich wie blöd darauf, nach Hause zu kommen, und habe natürlich auch Schuldgefühle meinem Vater und meinem Bruder gegenüber, die ich jetzt hier alleine lasse. Aber da gibt es wohl keine eindeutig richtige Entscheidung. Notfalls kann ich ja wieder nach Köln fahren, es sind ja nur 600 Km.

Ich vermisse auch meine Gemeinde sehr. Letztes Wochenende hatten sie eine kleine Freizeit und ich hatte mich schon Monate voher darauf gefreut, einige von ihnen mal näher kennenzulernen und vielleicht ein bisschen mehr die „Vibes“ der Community kennenzulernen. Naja, war leider nicht Möglich. Beim nächsten Mal vielleicht.


Schau an:

Egoload – Spontaner Idealist Egoload - Spontaner Idealist

via


The Felice Brothers – Roll On Arte


the moon, the stars and the sun.

Im Radio läuft gerade diese fürchterliche Instant Karma-Version der noch unerträglicheren U2 und ich versuche, nicht an meinem Vater zu denken. Aber wie soll das gehen – seit zwei Wochen fahre ich täglich eine Stunde mit dem Bus nach Siegburg, um ihn für maximal zwei Stunden auf der Intensivstation besuchen zu können, und dann eine Stunde wieder zurück. Jeden Tag rufen mindestens 3 Leute an, um zu fragen, wie es ihm geht, was ich vom Prinzip her natürlich schön finde. Solange es langsam besser geht, macht mir das nichts aus. Aber wenn ich selber Angst habe, was wird denn dann von mir erwartet? Durchhalteparolen? Die Wahrheit? Aber was ist die Wahrheit? Schliesslich reime ich mir selber jeden Tag aus’s Neue zusammen, wie es ihm wohl geht.

Heute gibt es nichts Gutes zu berichten. Er schien wieder viel weiter weg zu sein, hat mich kaum angesehen und auch keinen Händedruck hingekriegt. In den letzten drei Tagen ist es so viel besser geworden, aber ihn heute zu sehen hat mich fertig gemacht. Er hat sich viel bewegt in seinem Bett, was eigentlich ein gutes Zeichen ist, aber seine Bewegungen erinnerten mich deutlichst an die meiner Mutter, nachdem sie ihre Schlaganfälle bekommen hatte. Der Arzt sagt, er habe eine Heparin-Unverträglichkeit (ein Blutverdünnungsmittel), was zu vielen kleinen Verschlüssen im Gehirn geführt haben könne. Der Neurologe will noch Untersuchungen machen, aber es könnte sein, dass er in einem Dämmerzustand bleibt, aus dem er nicht mehr aufwacht. Und als ich ihn heute da so liegen da, mit so wenig Bewußtsein hinter seinen Augen, da hatte ich ein sehr schlechtes Gefühl.

Die Frau, die mit ihm auf dem Zimmer liegt, hatte ähnliches, nur schlimmer: Sie hatte eine Allergie gehen Heparin, was zu einem Herzinfakt nach der Bypass-OP führte und ihr ging es sehr schlecht. Langsam berappelt sie sich wieder, und an manchen Tagen sieht es so aus, als ob die beiden ein morbides Wettrennen führen, wer denn wohl als erster aufwacht. Wenn überhaupt.

Ich musste mich heute sehr zusammenreissen, um im Kranlenhaus nicht einfach hemmungslos loszuheulen. Dabei weiss ich, dass Gott bei uns ist. Es beten so viele Leute für ihn, und ich fühle mich in meinem täglichen Gebetszeiten meist sehr geborgen. Ich muss an Storchs Heilungs-Serie denken und frage mich manchmal, ob ich Schuld daran sein könnte, wenn mein Vater nicht geheilt wird, weil ich irgendwas falsch gemacht habe – nicht genug geglaubt, nicht früher versucht, diese Gabe zu üben – irgendwas.

Ich muss jetzt ins Bett. And we all shine on.


Da koofn wa nuscht!