Yahoo, adical, blogs, etc.

Ich habe ein dickes Problem mit Werbung. Z.B. diese: Ich empfinde sie in ihrer Omnipräsenz als Vergewaltigung. 99& davon beleidigt meine Intelligenz und/oder meinen Geschmack. Ich glaube, der öffentliche Raum sollte eine gewisse Neutralität haben, die durch Werbung zerstört wird. u.s.w. Ich halte auch Werbung in blogs für ziemlich daneben, denn das Prinzip ist ja, dass die „Glaubwürdigkeit“ oder „Authentizität“ des Bloggers auf das beworbene Produkt scheinen soll (ob das funktioniert oder nicht, sei mal dahingestellt).

Trotzdem fand ich es interessant, als Johnny von Spreeblick und Sascha von der ZIA adical gegründet haben, eine Werbeagentur, die sich speziell mit dem Vermarkten von blogs beschäftigt. In der Blogoshäre gab es ja schon lange riesige Diskussionen über blogs und Werbung, und da ich bei aller Abneigung immer noch denke, das es die Sache eines jeden einzelnen bloggers ist, Werbung zu schalten oder nicht, fand ich es gut, dass sich jemand, den ich als „ethisch Sensitiv“ einschätze (Johnny) damit beschäftigt – und nicht die Gestalten von Spindler & Klatt und wie sie alle heissen.

Adical ist genretypisch recht grossmäulig dahergekommen, was ja ok ist, hat aber bislang vergleichsweise wenig Innovatives hervorgebracht, aber das mag ja noch kommen. Was mich allerdings wirklich geplättet hat, ist die Tatsache, das jetzt tatsächlich Werbung für Yahoo gemacht wird. Wir erinnern uns: Dank der fleissigen Mithilfe dieses Unternehmens wurden einige chinesische Dissidenten zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Davon abgesehen haben Yahoo-Aktionäre Menschenrechtsanträge abgelehnt und durch den Kauf von flickr ist Yahoo jetzt auch noch dazu übergangen, in Deutschland den content der Bild-community zu zensieren.

Natürlich ist die Frage, wie man als Internt-Unternehmen in Diktaturen wie China Präsenz zeigt, recht komplex, wie Johnny es ja auch in seinem Beitrag dazu dargestellt hat. Richtig merkwürdig wird es allerdings, wenn er die Entscheidung für Yahoo als Werbekunden bergründet:

Schon mit dem generellen Entschluss vor inzwischen zwei Jahren, Werbung auf Spreeblick zuzulassen, waren wir uns dieser Herausforderung bewusst. Und haben beschlossen, uns auf die moralische Bewertung der Werbekunden hinsichtlich einer „die sind gut – die sind böse“-Aussage möglichst selten einzulassen. Denn jeder Kunde, den wir als „verwerflich“ ablehnen, bedeutet im Umkehrschluss unsere moralische Absolution für die Kunden, die werbend auf Spreeblick erscheinen.

Mal davon abgesehen, das ich dieses Argument nich nachvollziehen kann, halte ich das für eine Form von Fatalismus, der mir bei Spreeblick bislang nicht aufgefallen war. Und der auch sonst im Gegensatz zu vielen Artikeln bei Spreeblick steht, die sich intensiv mit der Politik von Unternehmen auseinander gesetzt haben.

Ich halte das zwar mittlerweile für einen Allgemeinplatz, aber ich sage es gerne nochmal: Wenn man sich nicht das Recht herausnimmt, Unternehmen und ihre Politik auch moralisch zu bewerten (und danach zu handeln), dann sollte man sich auch nicht über das Ergebnis dieser Politik beschweren. Ist es doch selbstverständlich, das Korrektheitsquote proportional mit der Grösse des Konzerns abnimmt, doch es geht hier nicht um einen Abteilungsleiter, der einen Angestellten gemobbt hat (was schlimm genug wäre), sondern um Handlungen, die massiv in das Leben von Menschen eingreifen.

Und natürlich kann man nicht auf alle Ungerechtigkeiten dieser Welt entsprechend reagieren, aber darum geht es nicht. Manche Leute scheinen immer noch zu glauben, das man gleich „etwas ändern“ können muss, bevor man überhaupt anfängt, sich entsprechen zu verhalten. Dabei geht es doch einfach nur darum, bei sich selber die gleichen ethischen Grundsätze anzulegen, die man sich auch von den Unternehmen wünscht. Oder sich an den moralischen Imperativ zu halten. Oder den Nächsten zu lieben wie sich selbst.

Dazu kommt noch, dass das Nutzen eines Angebotes nicht Vergleichbar ist mit dem Werben dafür. Ich hätte überhaupt kein Problem damit, wenn Spreeblick del.i.ci.o nutzt (das auch zu Yahoo gehört) und trotzdem aus den genannten Gründen keine Werbung für Yahoo macht.

Ich für meinen Teil bin über die Yahoo-Kampagne ziemlich enttäuscht, obwohl ich natürlich weiss, das adical machen kann, was es wioll und mir keine Rechenschaft schuldig ist. Ich bin auch ziemlich traurig über den Ton, in dem manche Blogger Johnny dafür kritisieren. Ich glaube, es wäre der Sache dienlicher, wenn man sich halbwegs zivilisiert darüber äussern würde. Aber all das bestärkt mich in meiner Ansicht, das Blogs und Werbung keine guten Freunde werden.



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