Abschied vom Schuldparadigma

Am Samstag hatte ich bei Rock Berlin eine leider recht kurze Diskussion mit 2 Leuten über EmCh. Einer von Ihnen hatte gerade Rob Bell gelesen und meinte, er würde bei diesem Diskurs in vieler Hinsicht die liberale Thologie der 60ger Jahre wiederentdecken, was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann.

Ich überlegte anlässlich dessen mal wieder, was denn wirklich den Ansatz der EmCh-Diskussion ausmacht und kam wieder auf einen Beitrag von Tiefebene zu einer Diskussion über EmCh auf dem blog von Simon de Vries. So auf den Punkt hat das noch nicht mal Brian McLaren gebracht, weshalb ich den Kommentar (es sind eigentlich 2) mal in Gänze Zitiere:

Meine These: es geht um die Relevanzkrise der Christenheit am Ende der konstantinischen Ära. Das bisherige Kirchenmodell funktioniert nicht mehr richtig; gleichzeitig gibt es mehr Freiraum, um Neues auszuprobieren. Deshalb kann man fast alle Strömungen, die sich unter “EC” bündeln, als Suche nach einem breiteren, relevanten Zugang zur Wirklichkeit verstehen: nach echter geistlicher Erfahrung, nach realer Gemeinschaft, nach einem Gottesdienst, in dem man nicht Konsument ist, nach einer relevanten Begegnung mit der gesellschaftlichen Kultur, nach ökologischen und politischen Ansätzen usw. Gemeinsam ist die Suche nach einem neuen Weltbezug, nachdem der konstantinsiche nicht mehr trägt.

Gleichzeitig ist die Aufklärung, der man in der Weltgestaltung das Feld überlassen hatte, ziemlich gescheitert, und zwar in ihrem technisch-wirtschaftlichen Kern. Sie löst die Probleme (wie Krieg, Armut, Ungerechtigkeit …) nicht und schafft stattdessen neue (Zerstörung der Lebensgrundlagen).
Dies beides lässt die Frage nach christlicher Weltgestaltung in den Mittelpunkt rücken. Folgerichtig tauchen an fast allen “emerging”-Ecken Absagen an das Schuldparadigma als zentrale Botschaft des Christentums auf. Keiner sagt das so ganz laut, aber ich habe den Eindruck: viele haben das im Kopf, und das erklärt auch manche wütenden Reaktionen auf EC. In der Tat, es ändert sich Entscheidendes, wenn der Weltbezug des Christentums nicht mehr nur über Abtreibung und Bettgeschichten läuft.

Also, meine Deutung: es geht um die Suche nach einer neuen Art von Kirche/Gemeinde, in der nicht mehr das Schuldparadigma zentral ist (und die Frage, was man tun muss, um in den Himmel zu kommen), sondern die Frage nach dem ganz speziellen christlichen Zugang zur Weltgestaltung. Es ist eine experimentelle Bewegung, ein Laboratorium. Und man beschäftigt sich mit allen möglichen Traditionen, insbesondere aber mit dem vorkonstantinischen Christentum (was ja auch logisch ist). Deswegen ist es auch so schwer, die EC inhaltlich festzulegen: sie wird durch die Aufgabe verbunden, (noch) nicht durch die Lösung.

Die Frage, wie man möglichst kostengünstig in den Himmel kommt, ist die zentrale Frage der konstantinischen Christenheit. In diesem Kontext ist Jesus primär gekommen, um das Schuldproblem zu lösen. In einer staatlich kontrollierten Kirche ist das die einfachste Art der Verkündigung: so beschäftigen sich die Leute mit sich selbst und bringen in der Welt nichts durcheinander.
Luther hat auf das ganze Problem eine neue Antwort gegeben, ist aber von der Frage nicht losgekommen. Die Frage verbindet unterschiedliche Fraktionen der Christenheit, nur die Antworten sind unterschiedlich: in den Freikirchen muss man sich großtaufen lassen oder sich in der korrekten Art entscheiden, bei uns reicht es, Kirchensteuer zu zahlen (entschuldige jetzt die sehr verkürzte Skizze!). Auch wir Volkskirchler leben verdeckt von dieser Frage (das ist mir erst in der Gemeinde klargeworden), aber wir bieten die billigste Antwort. Auf diesem ganzen Boden wachsen dann auch die seltsamen Moralismen, mit denen man manchmal zu tun bekommt.

Aber wenn es nun eben bei Jesus in Wirklichkeit um Weltgestaltung aus der Kraft Gottes geht, wenn das also die zentrale Frage ist, dann verändert das den Kern des Christentums (sehr schön beschrieben im Jesus-Buch von McLaren). Übrigens ist das meiner Meinung nach schon in “Widerstand und Ergebung” sehr deutlich formuliert. Bonhoeffer war einsame Spitze in dem, was er gesehen hat!“



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