Herz aus Gold

Irgendwann gegen Ende der 80ger war ich in Köln bei meinem Freund und Schlagzeuglehrer N. zu Besuch. Das waren immer intensive Anlässe, meistens tranken wir enorm viel Bier, hörten seine neuesten Platten und schwadronierten bis früh in den Morgen über die aktuellen persönlichen Zustände. An diesem Abend spielte er mir ein Album vor, mit dem ich spontan nicht viel anzufangen wusste, das mich aber doch ziemlich beeindruckte: „Landing on water“ von Neil Young.

Ich hörte eine Menge grossartiger Songs, aber die Arrangements klangen nach jemandem, der nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte. Alleine diese beknackten Kinderchöre! Und die selbst für die 80ger billigen Keyboards! Warum sollte man soetwas machen?

Erst einige Zeit später erfuhr ich die Geschichte, die hinter dem Album steckt: David Geffen hatte Neil Young wegen „Unkommerzialität“ verklagt und erstmal sein Budget für die nächste Platte zusammengestrichen. Young dachte sich darauf: Unkommerziell? Kannste haben! und nahm ein Album mit sehr eingängigen Songs auf, die er dann bis ins Lächerliche aufbliess, mit den erwähnten Kinderchören, verhallten Drums und dem ganzen Scheiss, den niemand brauchte. Ach ja, für einen Bassisten gabs kein Geld mehr, darum kommen die Bass-Sounds auch von einem Keyboard. Jemand schrieb mal, das „Landing on water“ die Travestie einer Neil Young Platte sei, und das trifft es ziemlich genau.

Wie auch immer – I was hooked und hört mich mit wachsender Begeisterung durch Youngs Back-Katalag. Als dann irgendwann Ragged Glory (1999?) erschien, war ich bereits im Besitz fast aller Alben; eine Sammelleidenschaft, die bis heute auch die fürchterlichsten Veröffentlichungen überstanden hat. Und davon gibt es schon ein paar, wenn man ehrlich ist. Aber man muss eben auch sehen, das dies der Preis für eine der wahrscheinlich kompromisslosesten Karrieren der Musikgeschichte ist, denn er hat wohl immer nur gemacht, wonach im gerade der Kopf stand, und erlaubte sich, Fehler zu begehen und sich in Sackgassen zu verrennen. Aber gerade das macht ihn mir so überaus symphatisch: Diese weitestgehende Angstfreiheit, Dinge einfach zu probieren und sich auf sein Bauchgefühl zu verlassen.

Das dabei auch eher unschöne Sachen rauskamen wie seine Unterstützung Reagans im damaligen Wahlkampf – Nunja. Immerhin folgte auf die Einsicht, dass das vielleicht ein Fehler gewesen sein könnte, der Song „This note’s for you“ mit den Zeilen:

„Ain’t singing for Pepsi/
Ain’t singing for Coke/
Ain’t singing for nobody/
Makes me look like a joke“

In den 90gern bis heute folgten ziemlich unterschiedliche Alben, die mich zumeist nicht sonderlich begeisterten. „Mirrorball“ mit Peal Jam fand ich gut, wenn ich auch glaube, das das Album mit Nirvana oder Mudhoney als backing Band noch wesentlich besser geworden wäre. Sein Live-Album „Weld“ zählt für mich zu den besten Live-Alben überhaupt. Richtig gut wurde es m.E. dann erst wieder mit „Silver & Gold“, das zwar nicht viele gute Kritiken bekam, das ich aber trotzdem unter seine 5 besten Alben zählen würde. „Greendale“ fand ich zu uninspriert; sein letzten Album „Prairie Wind“ dann wieder ziemlich grossartig.

Nachdem Prairie Wind erschien, plante Neil Young eine Live-DVD, die auch gleichzeitig die Live-Premiere des Albums werden sollte. Es ging ihm während dieser Zeit nicht sonderlich gut, er hatte ein Anoyrisma im Gehirn, das operativ entfernt werden musste, was ihn offentlichtlich sehr mitnahm. Überhaupt ist „Prairie Wind“ ein sehr reflektives Album, das sich viel mit Vergangenheit und Verlust beschäftigt, daher war die Idee, dieses Konzert im „Ryman Auditorium“ in Nashville, dem Gebäude, in dem früher die „Grand Old Opry“ beheimatet war, zu filmen, fast schon naheliegend. Es gab damals Überlegungen, die Konzerthalle abzureissen, und überhaupt hatte sich die Opry seit ihrem Umzug in eine andere Halle sehr verändert; sie hatte sich von der Geschichte vor allem der Country-Musik, die sie so sehr geprägt hatte, endgültig verabschiedet.

Als der Plan für den Film gefasst wurde und Jonathan Demme als Regisseur gewonnen werden konnte, ging alles sehr schnell. Young rief neben anderen auch seine Freunde in Nashville an, mit denen er auch zuvor schon Alben dort aufgenommen hatte (z.B. „Harvest“ 1972 und „Comes a time“ 1979) und gab allen Beteiligeten nur 10 Tage Zeit, um sich darauf vorzubereiten.

Das Ergebnis ist ein Konzertfilm, der zwar recht spartanisch wirkt, aber gerade dadurch berührt und eigentlich alles erreicht, was Young sich vorgenommen hatte. Er wollte der Geschichte der Country Music seinen Respekt zollen, sagt er in einem der vielen Bonus-Features, und das es eine Art „Celebration of Country Music“ sein sollte. Dieses Konzept schlägt sich in allen Belangen des Films wieder: Die verschiedenen Backdrops der Bühne, die Anzüge und Kleider, sogar das Licht leugnen zwar nicht, dass es sich um ein aktuelles Konzert handelt, nehmen aber immer wieder Bezug auf die reiche Geschichte der Country Music. Sehr schön gelingt Demme dieser Bezug bei dem Song „This old guitar“. Young erzählt, das die Martin, die er spielt, einst Hank Williams gehört habe; und auch der Song, den er mit Emmylou Harris im Duett sing, handelt davon. Dazu beutzt Demme ganz hartes Licht und filmt die beiden von unten, so dass sie tatsächlich so aussehen wie Hank und Audrey, deren Bilder man aus den 50gern aus der Grand Old Opry kennt – allerdings mit dem Unterschied, das Emmylou Harris besser singt.

Auch sonst erzählt Neil Young viel persönliches – von der Farm, die er sich als 21-jähriger gekauft hat und auf der er immer noch lebt, bis zu Geschichten von seinem Vater, der einige Monate vor dem Konzert starb und an Demez litt. Am Ende sagt Young, das dieser Film auch von Familie handelt, von Traditionen, die vererbt werden und von der Gemeinschaft, die man durch sie hat – ein Thema, zu dem Young, der zwei schwerstbehinderte Söhne hat, sicherlich eine Menge zu sagen hat. Und so steht im Schlussbild, ganz unten am Bildschirm auch „for daddy“, was bei vielen anderen Gelegenheiten leicht hätte peinlich wirken können. Hier hingegen fasst diese Zueignung den Abend perfekt zusammen.



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