Rock Berlin

Samstag abend war ich bei der Gemeinde „Rock Berlin“ im Prenzlauer Berg. Die Räume sind unter dem Dach des Hauses, in dem auch das „Blow Up“-Kino residiert und nur über einen Fahrstuhl zu erreichen. Als Wohnung wäre dieser Loft wohl der feuchte Traum jedes zweiten Berlinbewohners unter 30. Ich fühle mich sofort sehr wohl, bemerke aber erst später, warum: Die Wände sind dunkelrot gestrichen und es stehen Vitrinen und Bücherregale von IKEA rum – aus der selben Serie, wie sie auch bei mir zu Hause vor MEINER roten Wand stehen… In einer Ecke gibt es eine große Bühne mit Musikinstrumenten, flankiert von einer grotesk überdimensionierten und sauteuren Mackie-PA. Vor der Bühne stehen Couches und Sessel, hinter diesen Tische mit Stühlen. Es gibt viele Tische mit Infos und Getränken und hinter einem Wanddurchbruch eine grosse Küche.

Kurz nach Eintritt werde ich wieder von einer jungen Frau begrüsst, die mir etwas über das Projekt erzählt und mir auch gleich den gerade vorbeilaufenden Pastor namens Dave vorstellt. Dave ist Amerikaner, um die 50 und hat irrsinnig warme und freundliche Augen. Er erzählt, das die Gemeinde von amerikanischen Missionare gegründet wurde, die vor einigen Jahren aus Minnesota nach Berlin kamen. Leider haben sich wohl viele Erwartungen nicht erfüllt und die meisten sind wieder in die USA gegangen, aber eines der Projekte, die Erfolg hatten, war Rock Berlin. Der eigentliche Pastor musste aber wieder zurück und hatte Dave gefragt, ob er sich vorstellen könnte, hier zu arbeiten, und so kam er vor zwei Jahren nach Berlin und spricht auch fast kein deutsch. (Eigentlich merwürdig für einen Pastor, nicht die Sprache des Landes zu sprechen, in dem er arbeitet, finde ich).

Regelmässig kämen so um die 40 Leute zum Gottesdienst, erzählt er, und das sie viel Wert auf Gemeinschaft legen. So gibt es nach jedem Gottesdienst ein gemeinsames Essen (ich werde herzlich eingeladen), dann wird noch ein Film gezeigt und meistens bleiben die Leute bis in die Nacht zusammen. Finde ich sympathisch, hat aber durch des Samstag-abend-Termin irgendwie etwas von Kids-von-der-Strasse-holen… Es gibt bei Rock Berlin auch keine feste Mitgliedschaft, deshalb gibt es auch immer viele Gäste, die nur manchmal vorbei schauen würden, aber ich habe den Eindruck, das Unverbindlichkeit hier kein grosses Problem ist.

Auch, wenn ich Dave nicht darauf angesprochen habe, scheint die Gemeinde von der amerikanischen Mutterkirche unterstützt zu werden. Ich kann mir nicht vorstellen, das die 40 Leute, die alle auch noch sehr jung sind (jünger als beim Berlinprojekt), das Geld für den Raum und die Einrichting aufbringen können.

Der Gottesdienst beginnt aus mir unbekannten Gründen immer um 18:07. Eine Band besteigt die Bühne und spielt Songs. Leider ist die Band nicht ganz so dolle, der Schlagzeuger spielt zwar mit Hotrods, aber Dynamik kennt er nicht, und wenn er hin und wieder doch noch etwas von ihrer Existenz zu erahnen scheint, wird das gnadenlos von einem Djemben-Spieler niedergeknüppelt. Djemben sind ja eh mein Hass-Intrument No.1 (Neben Saxophonen, die sich ausserhalb von Jazz tummeln), diese Performance hier bestärkt mal wieder mein Vorurteil…
Wärend der Lieder bleiben die meisten sitzen, doch es gibt auch Leute, die aufstehen, die Hände heben oder ein wenig tanzen. Ich habe wirklich das Gefühl, dass es jedem frei gestellt sich, so anzubeten, wie er es möchte.

Vor einem der Songs sagt der Sänger, das es danach Abendmahl gibt. Vor der Bühne stehen ein Teller mit Brot und einer mit kleinen Gläschen und jeder soll sich selber nehmen. Leider verpasse ich den richtigen Zeitpunkt und traue mich dann nicht mehr nach vorne zu gehen. Es wird gebetet, dann kommt Pastor Dave nebst einem jungen Mann, der die Predigt übersetzt.

Dave kündigt eine Serie über den Epheser-Brief an und die heutige Predigt sei als Einleitung zu betrachten. Er projeziert einige Karten an die Wand und erwähnt auch, das Geographie sein Hobby sei, wir also Geduld mit ihm haben müssen. Nach kurzer Zeit allerdings fängt das ständige Satz-fürSatz-Übersetzen an, mich massiv zu stören. Da ich in meinem einen Job ausschliesslich englisch sprechen muss, verstehe ich Dave sehr gut, und obwohl man natürlich davon ausgehen muss, das nicht alle einer englischen Predigt ohne weiteres folgen können frage ich mich, ob eine Übersetzung so eine gute Idee ist. War mir der Pastor beim Berlinprojekt zu schnell, so ist mir das hier viel zu langsam und ich habe Mühe, mich zu konzentrieren. Aber Dave ist sehr humorvoll und scheint keine Mühe zu haben, die Leute bei der Stange zu halten, also ist das wohl mein Privatproblem.

Nach der Predigt gibt es noch 2 Songs den Segen und die Bekanntmachungen (die, was ich nie verstanden habe, in manchen Kirche ANkündigungen heissen, in anderen wiederum ABkündigungen genannt werden; auch, wenn sie bereits vor der Predigt gelesen werden…) Nächsten Freitag trifft man sich zum Filmgucken, und der Trailer von „Sommer vorm Balkon“ wird eingespielt.

Es wird nochmal zum Essen eingeladen (Potluck!), und alles geht eher fliessend in den weiteren Abend über. Ich schaue mich noch ein wenig um und sehe Listen für diverse Kreativgruppen. Eine Frau meinte Anfangs zu mir, das sich viele Gruppen im Aufbau befänden und es gerade so richtig los gehen würde.

Leider kann ich nicht bleiben, da die Liebste heute kochen will, und fahre nach Hause.

Ich finde es für mich sehr gewöhnungsbedürftig, am Samstag Gottesdienst zu feiern, aber es ergibt in jedem Fall Sinn, wenn dieser nur ein Teil der Gemeinschaft ist. Trotzdem habe ich mich sehr wohl gefühlt und werde sicherlich nochmal wiederkommen. Schade fand ich, das wieder nur wenige Leute den Gottesdienst gestalten, und das es eigentlich auch nur zwei Programmpunkte gibt: Singen, Predigt. Es ist ja immer noch mein Wunsch, das viel mehr persönliches passiert, das Leute z.B. von sich erzählen, irgendetwas vortragen oder sonstwas machen. Aber das Gemeindeleben scheint recht aktiv zu sein, und ich war ja erst einmal da, kann mir also noch lange kein Urteil erlauben.

Ich hoffe, nächsten Sonntag schaffe ich es zur Hillsong-Gemeinde, die aber eher eine Hauskirche ist.

Ach ja: Der Pastor des Berlin-Projekts hat mir nach drei Woche doch noch eine sehr nette Antwort geschrieben. Näheres in den Kommentaren des Artikels.



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s