Berlinprojekt

Heute abend habe ich es endlich geschafft, mal beim Gottesdienst des Berlinprojekts vorbeizuschauen. Die Gemeinde gehört zum Bund Freier evangelischer Gemeinden und hat einen Raum über dem REWE-Supermarkt in der Kulturbrauerei. Neben dem späten Beginn des Gottesdienstes (17 Uhr) fand ich vor allem die website interessant, auf welcher sich auch folgendes Zitat findet:

Deshalb glauben wir, dass es sich lohnt diese alten Grundlagen neu zu bedenken und für heute zu übersetzen. Auf eine Art und Weise, die etwas mit unserem Leben zu tun hat und die Lockerheit und Freude anstatt Druck und Verklemmung ausdrückt. Und in einem Rahmen, der jedem die Freiheit lässt Gott und den Glauben selbst für sich zu entdecken…“

Als ich in den Gemeinderaum komme, werde ich nett von einer jungen Frau begrüßt, die mir ein Heft mit dem Gottesdienstprogramm in die Hand drückt. Neben den Liedtexten und dem Predigtext finden sich auch aktuelle Kleinanzeigen für die jeweilige Woche. Das finde ich zwar ganz symphatisch, aber jede Woche 150 Hefte für die Gottesdienstbesucher zu drucken… ist nun nicht eben ressourcenfreundlich.

Der Gemeinderaum selber ist ein grösser, weissgestrichener Raum mit Stühlen drin. Vorne stehen ein paar Mikros und drei grössere Holzplatten an der Wand. Ansonsten gibt es noch einen Tisch mit Getränken, drei Garderoben und eine kleine Spielecke für die Kleinen. Der vordere Bereich wird von Baustellen-Halogenflutern und zwei kleinen Traversen beleuchtet, die an den Seiten stehen. Ansonsten ist der Raum komplett kahl. Kein Bild, keine Pflanze, nichts. Mir fällt nichts ein, was man tun könnte, um einen Raum noch weniger gemütlich und einladend zu gestalten. Ist das vielleicht eine postmodernes Design-Konzept, das ich nicht verstehe? Oder bin ich unter Neo-Puritaner geraten? Sehr merkwürdig.

Ich scheine fast der Einzige zu sein, der das mit den 17 Uhr ernst nimmt, die meisten trefffen erst später ein und der Gottesdienst beginnt auch erst ca. 20 Min. später. Die meisten Besucher sind zw. 25 und 35, und wenn jemand in Berlin eine christliche Partnerin sucht, sollte er es mal in dieser Gemeinde versuchen, denn geschätze 70% scheinen Single-Frauen zu sein. Die Begrüssung der Leute untereinander ist sehr herzlich, und die sterile Atmosphäre lockert sich etwas.

Der Abend beginnt mir einem klassischen Cello-Stück. Dann folgt eine Begrüssung und zwei Lieder, die jeweils mit einer akustischen Gitarre begleitet werden; eine Band o.ä. scheint es nicht zu geben. Es wird hin und wieder aufgefordert (nicht freigestellt), sich zu erheben. Die Lieder selber werden ohne jedwede Gefühlsregung gesungen. Hände bleiben unten, geklatscht wird nicht. Ich checke verstohlen, ob es vielleicht eine Geschlechteraufteilung bei den Sitzplätzen gibt, kann aber keine erkennen.

Es folgt ein gelesener Predigttext und dann – die Predigt selber. Der Pastor ist mir sehr sympathisch: er dürfte um die 30 sein und strahlt Selbstvertrauen aus. Leider spricht er unglaublich schnell und ich komme kaum hinterher, weil ich die unangenehme Angewohnheit habe, eigenen Gedankengängen zu folgen, die von Aussagen der Predigt angetriggert werden. Trotzdem reisse ich mich zusammen und kriege das meiste mit; leider habe ich mein Notzizbuch nicht dabei und verzichte hier mal auf eine Zusammenfassung. Der Pastor betont, dass sich sich an eine bestimmte Regel für die Texte halten, und das über diesen Text eben zu dieser Zeit gepredigt wird. Warum man sich daran hält, wird nicht gesagt.

Nach der Predigt folgt das Abendmahl, das anscheinend jede Woche gefeiert wird. Nichtchristen wird explizit nahegelegt, NICHT daran teilzunehmen, sondern sich auf die Musik zu konzentrieren oder sich mit einem in den Programmheften abgedruckten Text zu befassen. An beiden Seiten desRaumen steht jeweils ein Päärchen und bietet zerbröseltes Knäckebrot und Wein in kleinen Becherchen an, alles auf und in hochoffiziösem Abendmahlsgeschirr aus Silber mit Kreuz obendrauf. Zu meiner Verblüffung nimmt ein gutes Drittel der Gemeinde nicht dran teil.
Danach gibt es noch ein paar Lieder und Gebete und ganz am Schluss spielt und singt ein Besucher aus Texas noch einen Song. Das wars. Beim rausgehen spricht mich niemand an.

Ich muss sagen, das ich doch etwas enttäuscht bin. Der Wusch, „alte Grundlagen neu zu bedenken und für heute zu übersetzen“ treibt mich ja auch um, aber ich scheine völlig andere Dinge damit zu verbinden und auch zu anderen Ergebnissen zu kommen. Super finde ich vor allem den späten Beginn des Gottesdienstes, und auch, das viel gebetet wird, gefällt mir. Aber in fast allen anderen Belangen scheint mir das Berlinprojet wie jede andere Freikirche auch zu sein.

Ausserdem störte mich eines noch massiv: Ich hatte dem einen Pastor vor ca. 2 Wochen eine mail geschrieben, auf die ich keine Antwort bekam, und ich denke, sowas geht einfach gar nicht. Besser kann man sein Desinteresse an Interessenten und potentiellen Besuchern kaum zum Ausdruck bringen.

NACHTRAG: Ich habe doch noch eine mail vom Pastor bekommen. Näheres in den Kommentaren.



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