Christmas in prison

Weihnachten verbringe ich immer bei meinem Vater auf dem Land. Am 26.12.1990 ist meine Mutter im Alter von 58 Jahren an den Folgen zweier Schlaganfälle gestorben, seitdem findet Weihnachten als Fest für uns nicht mehr statt. Immerhin essen wir an Heiligabend noch Würstchen mit Kartoffelsalat, aber das ist dann auch die einzige Tradition, die überlebt hat.

Das Dorf, über das ich mit meinen Freuden nur als „Dreckskaff“ rede, ist nicht gerade mein Lieblingsplatz auf der Welt. Ob wohl ich gerne bei meinem fast 80-jährigen Vater bin, stellt die Umgebung hier eher eine herzliche Einladung zum Selbstmord dar. Leichte Depressionsanfälle kann ich recht erfolgreich mit gezielten Gaben von Alkohol bekämpfen, aber diesmal hat es mich doch stärker erwischt als sonst.

Eines der wenigen Highlights hier ist die Christmette in unserer alten Gemeinde in der nächst grösseren Stadt. Hier treffe ich meistens alte Freunde aus meiner damaligen Jugendgruppe; zu keinem von ihnen habe ich sonst mehr Kontakt, obwohl wir damals teilweise wirklich sehr eng befreundet waren. Doch als ich mich am Sonntag für den Gottesdienst fertig machte, kamen mir neben den üblichen Gedanken auch welche, die ich normalerweise nicht habe und die ich auch überhaupt nicht lustig finde. Denn bei den ganzen smalltalks, die man führt, wenn man sich lange nicht gesehen hat, gibt es immer wieder eine Frage, die mich die Wände hochtreibt – Die Frage, wie es mir denn wohl ginge.

Eines Vorweg: Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie und wir waren relativ arm. Trotzdem hat Gott uns immer genug zum Leben und noch viel mehr dazu gegeben. Geld war mir nie wichtig, ich hatte immer alles, was ich brauchte, und auch deswegen habe ich nach dem Abi erstmal angefangen, zu studieren. Während ich mich also (als fast einziger meiner Jugendgruppe, übrigens) als Nachwuchs-Bohèmien auf übel beleumundeten Unifeten rumtrieb, haben meine damaligen Freunde fast ausnahmslos ihre Traumjobs bekommen und teilweise sogar Karriere gemacht.

Daniela, in die ich geschätze 5 Jahre heimlich verliebt war, hat eine Ausbildung zur Therapeutin gemacht und ehelichte einige Jahre später einen Pastor in spe und das war wohl genau das, was sie wollte. Frank, einer meiner besten Freunde damals, hatte eine verunglückte und bizarr unpassende Ausbildung zum Finanzbeamten hinter sich, als er als Quereinsteiger bei einem Chemieunternehmen unterkam. Innerhalb weniger Jahre hat er dort eine unfassbare Karriere gemacht und war noch keine 30, als er sich als technischer Direktor eines neuen Werkes in Brasilien wiederfand.

Auch die meisten meiner Freunde aus der Schule, die eigentlich nie vor hatten, eine irgendwie geartete bürgerliche Karriere anzustreben, haben doch eine gemacht. Frank z.B. hatte Kunstgeschichte studiert und wir hatten und damals zeitgleich einen Mac gekauft, das muss so um 1994 gewesen sein. Wir spielen viel mit Photoshop und Quark rum. Eines Tages antwortet er auf eien Anzeige einer lokalen Tageszeitung, die einen Aushilfsgraphiker suchten. Trotz des Fehlens jeglicher Qualifikationen wurde er genommen und ist jetzt Chef der Abteilung und verdient das Vierfache von mir.

Ich freue mich für meine Freunde, ganz ehrlich. Aber was soll ich auf die Frage antworten, wie es mir denn ginge? Ich könnte antworten, dass, als ich vor 2 Jahren meinen Traumjob bei einer Plattenfirma verloren habe, alle anderen Labels ebenfalls Leute entlassen haben, was dazu führte, das ich den einzigen Job annehmen musste, der mir trotz aller Kontakte angeboten wurde. Dieser Job ist schlecht bezahlt, semi-offiziell, und auch, wenn er im weitesten Sinne mit der Musikindustrie zu tun hat, interessiert er mich nicht. Ich verdiene nicht genug, um mich krankenversichern zu können; dazu kommt noch die Bafög-Rückzahlung, die mich ziemlich beutelt.

Mein erstes, geisteswissenschaftliches Studium musste ich aufgrund einer Depression abbrechen. Das zweite Studium habe ich abgebrochen, weil ich damals (endlich!) den Traumjob bekam. Der war zwar nach einiger Zeit nicht mehr so traumhaft, da der Chef sich als unfähiges profilneurotisches Arschloch herausstellte, der den Laden nur aufgrund der grosszügigen Geldspritzen seines Milliuonäresvaters am Laufen hielt, aber die Arbeit habe ich trotzdem geliebt. Dann ging das den Bach runter und seit dem sind meine persönliches Lebensumstände kontinuierlich schlechter geworden.

Nur um das klar zu stellen: Es geht mir nicht schlecht. Ich habe eine tolle Freundin und komme über die Runden, aber gut… Das scheint mir doch anders auszusehen.

Vielleicht bin ich undankbar, aber ich habe immer geglaubt, das Gott noch einen Trumph im Ärmel hat, und das die jahrelange Warterei sich auszahlen würde in Form einer vernünftigen Arbeit, denn wenn alle anderen eine haben, warum sollte Gott mich vergessen? Aber mittlerweile bin ich Mitte 30, und meine Hoffnung, das es irgendwann einmal peng macht, verabschiedet sich langsam, aber sicher.

Vor zwei Jahren, da gab es nochmal einen solchen Moment: Nach meiner Entlassung habe ich über alte Kontakte erfahren, das mein absolutes Lieblingslabel jemanden sucht. Ich traf mich mit dem Chef, wir kamen sehr gut miteinander klar und dann – hörte ich nichts mehr von ihm. Ein halbes Jahr später sah ich ihn auf einem Festival und er entschuldigte sich und erzählte, dass es ehemaliger Praktikant von ihm seine Ausbildung bei einem anderen Label beendet hatte und nicht übernommen wurde, und da er ihn bereits kannte, hat er ihn eingestellt. Ich wäre aber derjenige gewesen, der ihm von allen sonstigen Bewerbern am besten gefallen hätte. Ahja.

Wenn ich also ehrlich wäre, müsste ich auf diese Frage nach dem eigenen Befinden sagen: Eigentlich habe ich keine Ahnung, wie es mir geht. Meinen jetzigen Job werde ich wohl nicht mehr allzu lange machen, und was danach kommt – ich weiss es nicht. Gute Zeugnisse, aber keine abgeschlossene Ausbildung sind in Deutschland ja immer noch die Eintrittskarte zur Arbeitslosigkeit. In der Musikindustrie war das früher kein Problem, sondern eher der Normalfall, aber heute hat sich auch das geändert.

In den letzten Monaten habe ich nebenbei angefangen, selbständig zu arbeiten, aber in wie weit das Früchte tragen wird, kann ich noch nicht absehen. Jedenfalls arbeite ich selten weniger als 10 Stunden am Tag, aber das ist ok. Obwohl ich mir wünschte, mehr Zeit zum Musikmachen zu haben, aber das ist mir momentan nicht so wichtig.

Ich mag alle diese Gedanken nicht. Lese ich mir das durch, dann frage ich mich, wie lange es wohl dauert, bis ich bitter; oder, fast noch schlimmer, bevor ich neidisch werde auf den Erfolg meiner Freunde. Vielleicht sind das auch schon die ersten Vorboten der Midlife-Crisis. Ein Therapeut, den ich mal kennengelernt habe, meinte, das diese Krise eigentlich unvermeidlich ist, wenn man bis 40 noch nicht „sein Ding“ gefunden habe. Obwohl, ich weiss schon, was „mein Ding“ ist: Die Musik.

Aber sie ernährt mich nicht.



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