Christliche Popmusik – eine Polemik (die ich eigentlich Anfang der 90ger schreiben wollte, wozu ich aber nicht gekommen bin; sollte das also veraltet sein, so bitte ich um freundliche Nichtbeachtung.)

Zwei Artikel, die ich heute gelesen haben, beschäftigen sich mit einem Zombie, den ich für mich schon vor vielen Jahren begraben habe: Christliche Pop/Rockmusik.

In den frühen 90gern habe ich einige Jahre ehrenamtlich als Aufnahme-Leiter einer christlichen Radiosendung im Bürgerfunk gearbeitet. Der Gründer der Gruppe hatte verfügt, das nur christliche Musik gespielt werden dürfe, und da ich durch meine Freunde aus meiner Gemeinde bereits vorgewarnt war, konnte ich mich nur unwirsch in mein Schicksal fügen. Ich hörte also Woche für Woche haufenweise CDs durch, die entweder gespendet oder uns ausgeliehen wurde, und ich kann mich nicht an eine Platte erinnern, die ich zumindest ok fand.

Die allermeisten Bands und Musiker hatten sich anscheinend zum Ziel gesetzt, eine „christliche“ Alternative zu bereits bestehenden Angebote zu schaffen. Hin und wieder kamen sie ihrem Ziel sogar einigermassen Nahe, aber letztlich war das alles ein einziges, erbärmliches Scheitern. Einer versuchte sogar, wie Sting zu klingen und selbst das hat er nicht geschafft. Und wenn es nicht um das direkte Kopieren ging, dann zumindest um den „Lowest Common Denominator“, damit man bloss viele Menschen mit der „Botschaft“ „erreicht“.

Ich habe mich immer gefragt, was um Himmels Willen da für ein Musikverständnis hintersteckt. Warum sollte ich als Christ nicht normale Musik, sondern drittklassige Kopien hören, nur, weil die Kopie „christliche“ Texte singt? Ich vermute, das Menschen, die so etwas hören oder produzieren, Musik als eine Art Dienstleitung ansehen. Sie soll einen bestimmten „Zweck“ erfüllen (Entspannung, Erholung, Unterhaltung, whatever), und dabei ist es eigentlich Wurst, wer das fabriziert, Hauptsache, es steht „christlich“ drauf. Vielleicht ähnlich einem Provider – man will ins Netz, völlig egal, wer einem diesen Zugang nun bietet, solange die Formalitäten stimmen.
Diese Art von Denken gibt es ja auch bei dem Rest der Musikindustrie, und es hat uns seit Jahren mit einem Haufen Scheisse übergossen, der nichts ausser geschmacksidentisch mit dem Haufen Scheisse davor zu sein hatte. Wie gesagt, ich bin da lange raus, vielleicht hat es eine kreative Explosion im christlichen Bereich gegeben, die ich nicht mitbekommen habe.

Verwandte, strikt kommerzielle Ansichten scheint auch Ralf Schröter zu vertreten, der bei Jesus.de unter dem unsäglich bescheuerten Titel „Quo Vadis, christliche Musikszene?“ (Nein, das war wohl nicht ironisch gemeint) interviewt wurde. Das böse K-Wort spricht er nicht aus, aber Kernwörte sind „Dienstleistungscharakter“, „massenkompatibel“ und „Entertainment“. Angelehnt an seine 5 Thesen – meine 5 Thesen zur „christlichen Popmusik“

1. Es gibt zu wenig vermarktbare Musik.
Wir betrachten das jetzt mal aus der kommerziellen Perspektive. In den Jahren, in denen ich bei einem kleinen (nicht christlich ausgerichteten) Indielabel als A&R und Label Manager gearbeitet habe, sind 99% aller zugeschickten Demos innerhalb von jeweils gut 30 Sekunden auf dem Müll gelandet, weil sie einfach schlecht waren, und damit meine ich nicht die Aufnahmequalität (die Quote deckt sich übrigens mit anderen A&Rs). Hat man aber tatsächlich mal etwas vielversprechendes auf dem Tisch, guckt man sich die Leute an, die dahinter stehen. Ich erinnere mich an eine CD aus Köln, die ich wirklich ziemlich gut fand. Leider entpuppte sich die „Band“ als schon etwas älteres Produzententeam, die „bei Bedarf eine Band zusammenstellen“ hätte können, aber wie soll man mit so etwas arbeiten? Also schon wieder ein Demo, das den Weg alles Irdischen geht.
Wenn also noch nicht mal 1% die Mindestanforderungen erfüllen, wie klein dürfte dann die Chance sein, das sich unter den musikmachenden Christen Bands und Musiker befinden, mit denen es sich lohnen würde, zu arbeiten?

2. Preaching to the converted
Gut, es hat sich schon etwas geändert. Wiglaf Drostes Reim „Mit Fanta und mit Butterkeks sind junge Christen unterwegs“ stimmt so nicht mehr, so leicht sind sie nicht mehr zu identifiziren und das Ghetto ist durchlässiger geworden und in den USA ist sowieso alles anders. Aber: Wer kommt zu euren Konzerten, christliche Bands? Genau. Christen. Warum? Weil euch kein anderer hören will. Warum? Weil ihr euch von vornherein in einen christlichen Kontext stellt, ohne dessen Schubkraft wohl auch niemand Notiz von euch genommen hätte. Und weil ihr eben nicht zu dem einen Prozent gehört.

3. Kunst, die sich instrumentalisieren lässt, ist meistens scheisse.
Es ist ja nichts dagegen zu sagen, das man sich nach den Hörgewohnheiten des Publikums richtet, schliesslich macht man ja meistens Musik, die man selber gerne hören würde. Aber was spricht dagegen, Musik nur um der Musik willen zu machen? Warum ist es überhaupt wichtig, das so viele Leute wie Möglich diese hören? (Siehe auch 2.) Wäre das glaubwürdig? Warum nicht überhaupt mal Musik als Kunstform betrachten? Oder hängst Du Deine Van Gogh-Drucke ab und ersetzt sie durch ähnliche , aber schlechte Bilder, weil van Gogh kein Christ war? Man kann sein Christsein auf so viele verschiedene Arten leben und zeigen, aber man braucht dafür selten ein Megaphon und einen Dampfhammer. Aber vielleicht ein bißchen Eigenständigkeit.

4. Was ist christliche Musik – für Hörer?
Als ich das letzte Mal auf meine Gitarre geschaut habe, konnte ich keine christlichen Noten erkennen. Also liegt es an den Texten? Hat christliche Musik Texte, die vom Christentum handeln? Oder müssen die nur von einem Christen verfasst werden? Woher weiss ich, ob der Typ überhaupt Christ ist? Nur, weil er das vor 10 Jahren mal im Suff während eines Interviews behauptet hat? Was ist überhaupt ein Christ? Was, wenn er nicht regelmässig in die Kirche geht? Und kifft? Was ist mit Dylan, der war mal Christ. Kann ich dann nur die Platten hören, die er in diesem Zeitraum gemacht hat?

5. Christliche Popmusik ist Quatsch
Will man Lieder über Jesus machen, die für Leute sind, die an Jesus glauben – fair enough. Will man Künstler sein, dann sollte man es um der Kunst willen machen. Hat man dann das Gefühl, man soll Lieder über Jesus machen, die für Leute sind, die an Jesus glauben, cool. Ansonsten soll man vor allen Dingen eins: Sich treu bleiben. Wie das geht kann man bei Sufjan Stevens hören, oder bei David Eugene Edwards.

Und zun dem anderen Artikel komme ich später.

Nachtrag: Der Text von einem Jörn Schlüter geht wohl in eine ähnliche Richtung.



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