Borat

Der Film ist leider hinter meinen Erwartungen zurück geblieben. Was als einzelner Clip bei Ali G. sehr gut funktioniert, krankt auf Spielfilmlänge leider daran, das Borat – anders wie bei Michael Moore – nie auf Augenhöhe kommuniziert und die rassistischen „Enthüllungen“ deswegen meistens verpuffen. Wenn ich einen Freak vor mir habe, dann will ich den so schnell als Möglich los werden und sicher nicht eine Diskussion über Zigeuner oder Juden anfangen. Könnte ich zwar, sollte ich auch, vor allem, wenn eine Kamera dabei ist, aber – geschenkt. Da waren die Clips für die Ali G. Show einfach wesentlich besser auf den Punkt gebracht. Deswegen wohl auch die Szenen, in denen Cohen absolut schmerzfrei agiert, was durchaus beeindruckend ist. Aber das war wohl kaum das Ziel des Films. Trotzdem sehr lustig und für die ganze Familie zu empfehlen.

Es gibt auch zwei Begegnungen mit Christen. Die eine ist ein Dinner, das im Rahmen eines Benimmkurses stattfindet, bei dem Cohen auch das einzige Mal aus der Rolle fällt und die Frau des Pastors beleidigt, was schlicht billig ist. Diese entlarven sich aber später trotzdem als erbärmlich, als eine Nutte an der Tür klingelt, die Borat noch eingeladen hatte, und der Pfarrer dann ganz schnell nach Hause musste. In der Bibel steht das anders.

Die zweite Christenbegegnung findet in einer charismatischen Pfingstgemeinde statt. Borat hat vor der Tür in einem Schlafsack übernachtet und wird von den Gemeindemitgliedern geweckt, die in die Kirche gehen. Das ihn niemand anspricht, kann natürlich gestellt sein,

In der Kirche sieht man dann einen Pfingstgottesdienst, wie man ihn aus dem Fernsehen kennt: Leute stehen verzückt mit erhobenen Armen und geschlossenen Augen in der Gegend rum, andere hüpfen oder laufen vor der Bühne hin und her, auf der ein Pastor irgendwelche Worthülen ins Mikrofon schreit. Das dürfte also in etwa das sein, was sich Paulus unter einem nüchternen Gottesdienst vorgestellt hat. Borat steht neben einem Gläubigen, der irgendwann anfängt, seine Hand zu nhemen (so scheint es jedenfalls), um sie in die Höhe zu heben. Das geht dann weiter, bis der Patstor Leute nach vorne bittet, um was auch immer mit ihnen zu tun. Borat wird begleitet und erzählt der Gemeinde seine Geschichte kurz in seinem gebrochenen Englisch und fragt den Pastor, ob Jesus ihn, seine Frau, sein Kind u.s.w lieb hat, wobei die Gemeinde Humor beweisst: Er fragt, ob Jesus auch seinen Nachbarn lieb hätte, und als sein Gegenüber bejaht behauptet er, dass das nicht sein kann, weil niemand seinen Nachbarn mögen würde. Und die Leute lachen.

Dann wird er gesegnet, Leute brüllen auf ihn ein, während sie ihm die Hand auflegen und irgendwas in anderen Sprachen sagen, was Borat nachmacht und daraufhin noch ermutigt wird. Er lässt sich dann „erschöpft“ zu Boden fallen, wird aber ständig von irgendwelchen anderen Leuten zugetextet. Und ab.

Meine Nichtchristenfreudin zur linken und meine Christenfreundin zur rechten meinten bei dieser Szene beide, dass das absolut grauenhaft sei, und ich muss ihnen zum Größten Teil recht geben. Ich sehe allerdings auch die Ernsthaftigkeit, mit der manche Menschen so ihr Christsein leben und denke, dass sie es nicht verdient haben, so der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden. Hier treffen natürlich zwei Paradigmen aufeinander: Zum einen der postmoderne Narr, dessen Letztgewissheit eine russische Puppe ist, aus der immer noch bei Bedarf eine weitere gezogen werden kann, dort Menschen, die sich freiwillig für ihren Glauben in eine Extase begeben. Da kann es keine Kommunikation geben, und ich finde diese Szenen genauso bedrückend wie lustig.

Trotzdem kann ich mich 10x mehr mit dem postmodernen Menschen identifizieren als mit den Pfingstlern, und es tut mir weh, das Christen sich so vorführen lassen. Gut zu wissen, das Gott auch da das letzte Wort hat.



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