Who cares?

Neulich abend musste ich noch zu Saturn am Alex, um für das Büro eine Festplatte zu kaufen. Der Media Markt läge zwar näher, aber da ich mir langsam angewöhne, auch das Verhalten von Unternehmen zunehmend in meine Kaufentscheidungen miteinzubeziehen, können die auf ihren Angeboten sitzenbleiben, bis ihnen Efeu aus dem Arsch wächst. Sei’s drum.

Der Großteil des Platzes war zu meinem Erstaunen schon fertig saniert, nur der Brunnen in der Mitte ist noch mit Bauzäunen abgesperrt. Und da standen sie vor. Ein weisser Buss mit offenen Türen, hinter der Heckklappe eine kleine PA. Dahinter, am Bauzaun befestigt, ein großes, dunkelrotes Tuch, auf das jemand Unbeholfenes goldene, ausgeschnittene Buchstaben geklebt hat. Jesus liebt Dich, stand da drauf, oder etwas ähnliches. Vor der PA standen mehrere Leute, von denen einer auf englisch mit amerikanischem Akzent erzählte, wie er mal in eine christliche Gruppe gekommen sei, die „den Herrn preisten“ und ihn „Anbeteten“; da wurde er ganz glücklich. Neben ihm, wie der Amerikaner ebenso mit einem Mikrofon ausgestattet, befand sich eine junge Frau, die Übersetzte, deren häufigst gebrauchtetes Wort aber „ja“ war, das sie ähnlich benutzte wie Edmund Stoiber sein „ähh“. Das machen viele Christen so, wie mir aufgefallen ist.

Jedenfalls war es dunkel und kalt, und niemand hörte zu. Als ich nach ca. 20 Minuten wieder aus dem Saturn kam, standen sie immer noch da, nur das Personal hatte gewechselt. Statt Amerikaner mit Mädchen gab es dort nun einen Mann, der subinspiriert auf einer Conga ruklopfte. Darüber fragte ein anderer Mann in bedeutungsschwangerem Unterton, ob wir uns schon einmal Gedanken gemacht hätten, was wir wohl denken werden, wenn wir mal auf dem Sterbebette lägen. Neben mir lachte ein junges Mädchen auf: „Nee, aber Du bestimmt!“ und ging in den Kaufhof.

Man kann sowas ja öfters beobachten, aber der tieferen Sinn solcher Aktionen blieb mir bislang im Dunklen. Warum machen die das? Die sagen also, sie hätten das tollste erlebt, das Ihnen in ihrem Leben wiederfahren ist, endlich hätte es einen Sinn und sie sind so begeistert, das sie sich im Winter auf einen zugigen Platz stellen müssen – und ihnen fällt nichts anderes ein als ein lausiges Tuch mit aufgeklebten Buchstaben, eine krüpplige PA und und ein paar unbeholfene Sätze, bei den sie sich anscheinend auf ihre eigene „Athentizität“ verlassen (ein Konzept, das sogar mein Vater schon verabschiedet hat); oder warum sonst ist diese Aktion eine halbe Welt enfernt von allem, was Menschen heutzutage vielleicht ansprechen könnte?

Auf mich wirkten sie ein wenig wie die Zeugen Jehovas, die auch bei Regen und Schnee ihren Wachturm verticken müssen, damit sie vielleicht doch noch einen Platz unter den 144000 bekommen.

Ich will das nicht ins Lächerliche ziehen. Ich selbst habe in meiner Jugend im Rheinland mehrere Male mit meiner Kirchengruppe in der Fussgängerzone gestanden und versucht, den Passanten wenigstens ein Faltblatt (oder christlich: Traktat) in die Finger zu zwingen. Erfolgreich konnte man diese Versuche nicht gerade nennen.

Ich kann verstehen, warum die Heilsarmee solche Aktionen macht, denn sie bauen eben gerade darauf, so dermassen nicht von dieser Welt zu sein, dass sieals pure Antithese zum Alltag Interesse wecken und wenigstens Respekt entgegen gebracht bekommen.

Aber „normale“ Christen“? So sehr ich auch an „ergebnisorientierem“ Missionieren zweifle – vielleicht könnte man ja doch etwas lernen von der bösen Welt. Und wenn es nur ist, wie man Menschen vielleicht für die eigene Sache interessieren könnte. Sich auf öffentlichen Plätzen den Arsch abzufrieren erscheint mir da nicht so geeignet.



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