Ackermann

Mit Mitte 30 regt mich eigentlich fast keine Schweinerei in Wirtschaft und Politik mehr auf, die so ans Licht kommt. Ich bin das gewöhnt, habe das selber erfahren und für mich ist das eher der Normalfall.

Aber das Josef „Victory“ Ackmann sich tatsächlich vor einem deutschen Gericht mit schlappen 3,2 Millionen freikaufen kann, das lässt mir doch den Kamm schwellen. Jaja, ich weiss, über 100.000 Verfahren wurden letztes Jahr auf diese Weise beendet und das ist auch nicht nicht nur von vermögenden Personen. Aber der Mann verdient bis zu 20 Millionen EUR im Jahr (Quelle: Berliner Zeitung). Und muss noch nicht mal seinen Schreibtisch räumen

Das ist er, der Abschaum der Gesellschaft. Wenn ich ein Konto bei der Deutschen Bank hätte – spätestens jetzt hätte ich keines mehr. Eher würde ich mein Geld den zahlosen Pennern in Neukölln geben. Die haben vielleicht noch eine Restbegriff von Würde.

So. Jetzt ist es auch gut. Erinnert sich in einem Jahr eh kein Schwein mehr dran.


Christliche Popmusik – eine Polemik (die ich eigentlich Anfang der 90ger schreiben wollte, wozu ich aber nicht gekommen bin; sollte das also veraltet sein, so bitte ich um freundliche Nichtbeachtung.)

Zwei Artikel, die ich heute gelesen haben, beschäftigen sich mit einem Zombie, den ich für mich schon vor vielen Jahren begraben habe: Christliche Pop/Rockmusik.

In den frühen 90gern habe ich einige Jahre ehrenamtlich als Aufnahme-Leiter einer christlichen Radiosendung im Bürgerfunk gearbeitet. Der Gründer der Gruppe hatte verfügt, das nur christliche Musik gespielt werden dürfe, und da ich durch meine Freunde aus meiner Gemeinde bereits vorgewarnt war, konnte ich mich nur unwirsch in mein Schicksal fügen. Ich hörte also Woche für Woche haufenweise CDs durch, die entweder gespendet oder uns ausgeliehen wurde, und ich kann mich nicht an eine Platte erinnern, die ich zumindest ok fand.

Die allermeisten Bands und Musiker hatten sich anscheinend zum Ziel gesetzt, eine „christliche“ Alternative zu bereits bestehenden Angebote zu schaffen. Hin und wieder kamen sie ihrem Ziel sogar einigermassen Nahe, aber letztlich war das alles ein einziges, erbärmliches Scheitern. Einer versuchte sogar, wie Sting zu klingen und selbst das hat er nicht geschafft. Und wenn es nicht um das direkte Kopieren ging, dann zumindest um den „Lowest Common Denominator“, damit man bloss viele Menschen mit der „Botschaft“ „erreicht“.

Ich habe mich immer gefragt, was um Himmels Willen da für ein Musikverständnis hintersteckt. Warum sollte ich als Christ nicht normale Musik, sondern drittklassige Kopien hören, nur, weil die Kopie „christliche“ Texte singt? Ich vermute, das Menschen, die so etwas hören oder produzieren, Musik als eine Art Dienstleitung ansehen. Sie soll einen bestimmten „Zweck“ erfüllen (Entspannung, Erholung, Unterhaltung, whatever), und dabei ist es eigentlich Wurst, wer das fabriziert, Hauptsache, es steht „christlich“ drauf. Vielleicht ähnlich einem Provider – man will ins Netz, völlig egal, wer einem diesen Zugang nun bietet, solange die Formalitäten stimmen.
Diese Art von Denken gibt es ja auch bei dem Rest der Musikindustrie, und es hat uns seit Jahren mit einem Haufen Scheisse übergossen, der nichts ausser geschmacksidentisch mit dem Haufen Scheisse davor zu sein hatte. Wie gesagt, ich bin da lange raus, vielleicht hat es eine kreative Explosion im christlichen Bereich gegeben, die ich nicht mitbekommen habe.

Verwandte, strikt kommerzielle Ansichten scheint auch Ralf Schröter zu vertreten, der bei Jesus.de unter dem unsäglich bescheuerten Titel „Quo Vadis, christliche Musikszene?“ (Nein, das war wohl nicht ironisch gemeint) interviewt wurde. Das böse K-Wort spricht er nicht aus, aber Kernwörte sind „Dienstleistungscharakter“, „massenkompatibel“ und „Entertainment“. Angelehnt an seine 5 Thesen – meine 5 Thesen zur „christlichen Popmusik“

1. Es gibt zu wenig vermarktbare Musik.
Wir betrachten das jetzt mal aus der kommerziellen Perspektive. In den Jahren, in denen ich bei einem kleinen (nicht christlich ausgerichteten) Indielabel als A&R und Label Manager gearbeitet habe, sind 99% aller zugeschickten Demos innerhalb von jeweils gut 30 Sekunden auf dem Müll gelandet, weil sie einfach schlecht waren, und damit meine ich nicht die Aufnahmequalität (die Quote deckt sich übrigens mit anderen A&Rs). Hat man aber tatsächlich mal etwas vielversprechendes auf dem Tisch, guckt man sich die Leute an, die dahinter stehen. Ich erinnere mich an eine CD aus Köln, die ich wirklich ziemlich gut fand. Leider entpuppte sich die „Band“ als schon etwas älteres Produzententeam, die „bei Bedarf eine Band zusammenstellen“ hätte können, aber wie soll man mit so etwas arbeiten? Also schon wieder ein Demo, das den Weg alles Irdischen geht.
Wenn also noch nicht mal 1% die Mindestanforderungen erfüllen, wie klein dürfte dann die Chance sein, das sich unter den musikmachenden Christen Bands und Musiker befinden, mit denen es sich lohnen würde, zu arbeiten?

2. Preaching to the converted
Gut, es hat sich schon etwas geändert. Wiglaf Drostes Reim „Mit Fanta und mit Butterkeks sind junge Christen unterwegs“ stimmt so nicht mehr, so leicht sind sie nicht mehr zu identifiziren und das Ghetto ist durchlässiger geworden und in den USA ist sowieso alles anders. Aber: Wer kommt zu euren Konzerten, christliche Bands? Genau. Christen. Warum? Weil euch kein anderer hören will. Warum? Weil ihr euch von vornherein in einen christlichen Kontext stellt, ohne dessen Schubkraft wohl auch niemand Notiz von euch genommen hätte. Und weil ihr eben nicht zu dem einen Prozent gehört.

3. Kunst, die sich instrumentalisieren lässt, ist meistens scheisse.
Es ist ja nichts dagegen zu sagen, das man sich nach den Hörgewohnheiten des Publikums richtet, schliesslich macht man ja meistens Musik, die man selber gerne hören würde. Aber was spricht dagegen, Musik nur um der Musik willen zu machen? Warum ist es überhaupt wichtig, das so viele Leute wie Möglich diese hören? (Siehe auch 2.) Wäre das glaubwürdig? Warum nicht überhaupt mal Musik als Kunstform betrachten? Oder hängst Du Deine Van Gogh-Drucke ab und ersetzt sie durch ähnliche , aber schlechte Bilder, weil van Gogh kein Christ war? Man kann sein Christsein auf so viele verschiedene Arten leben und zeigen, aber man braucht dafür selten ein Megaphon und einen Dampfhammer. Aber vielleicht ein bißchen Eigenständigkeit.

4. Was ist christliche Musik – für Hörer?
Als ich das letzte Mal auf meine Gitarre geschaut habe, konnte ich keine christlichen Noten erkennen. Also liegt es an den Texten? Hat christliche Musik Texte, die vom Christentum handeln? Oder müssen die nur von einem Christen verfasst werden? Woher weiss ich, ob der Typ überhaupt Christ ist? Nur, weil er das vor 10 Jahren mal im Suff während eines Interviews behauptet hat? Was ist überhaupt ein Christ? Was, wenn er nicht regelmässig in die Kirche geht? Und kifft? Was ist mit Dylan, der war mal Christ. Kann ich dann nur die Platten hören, die er in diesem Zeitraum gemacht hat?

5. Christliche Popmusik ist Quatsch
Will man Lieder über Jesus machen, die für Leute sind, die an Jesus glauben – fair enough. Will man Künstler sein, dann sollte man es um der Kunst willen machen. Hat man dann das Gefühl, man soll Lieder über Jesus machen, die für Leute sind, die an Jesus glauben, cool. Ansonsten soll man vor allen Dingen eins: Sich treu bleiben. Wie das geht kann man bei Sufjan Stevens hören, oder bei David Eugene Edwards.

Und zun dem anderen Artikel komme ich später.

Nachtrag: Der Text von einem Jörn Schlüter geht wohl in eine ähnliche Richtung.


Woody Allen Vs. Bill Graham

Teil 2

via


Emsdetten

Besser als Holgi hätte ich es auch nicht sagen können:

Wie in Erfurt werden sie sagen, die Computerspiele sind schuld. Sie werden sagen, es sei ein bedauerlicher Einzelfall. Sie werden so tun, als sei das Böse plötzlich vom Himmel gefallen. Sie werden sich nicht um die Hintergründe kümmern, denn dann müssten sie zugeben, dass ihre Idee von Gesellschaft eine schlechte Idee ist. Kerner wird wieder Schwachsinn reden. Pfeiffer wird wieder Schwachsinn reden. Die Schützenvereine werden ihre Hände wieder in Unschuld waschen, weil es ja schliesslich ein Sport ist, Projektile abzufeuern und keine Krankheit. Die Innenminister werden wieder Schwachsinn reden. Wolfgang Bossbach wird erst recht Schwachsinn reden. Dann werden sie vielleicht die Schule renovieren. Seelsorger werden ihr bestes tun, Seelen zu versorgen. Therapeuten werden wieder Sachverstand simulieren. Staatsanwälte werden sich zurücklehnen, weil ja alles klar ist. Die Medien werden in einer Woche eine neue Sau durchs Dorf treiben, Kerner wird wieder dabei sein und die Opfer und deren Angehörige werden sprachlos zurückbleiben. Warum sowas passiert, wird solange niemanden interessieren, wie der Täter einen Namen hat und alle mit dem Finger auf ihn zeigen können. Wie in Erfurt.

Und es wird wieder passieren. Wie in Emsdetten.


Borat

Der Film ist leider hinter meinen Erwartungen zurück geblieben. Was als einzelner Clip bei Ali G. sehr gut funktioniert, krankt auf Spielfilmlänge leider daran, das Borat – anders wie bei Michael Moore – nie auf Augenhöhe kommuniziert und die rassistischen „Enthüllungen“ deswegen meistens verpuffen. Wenn ich einen Freak vor mir habe, dann will ich den so schnell als Möglich los werden und sicher nicht eine Diskussion über Zigeuner oder Juden anfangen. Könnte ich zwar, sollte ich auch, vor allem, wenn eine Kamera dabei ist, aber – geschenkt. Da waren die Clips für die Ali G. Show einfach wesentlich besser auf den Punkt gebracht. Deswegen wohl auch die Szenen, in denen Cohen absolut schmerzfrei agiert, was durchaus beeindruckend ist. Aber das war wohl kaum das Ziel des Films. Trotzdem sehr lustig und für die ganze Familie zu empfehlen.

Es gibt auch zwei Begegnungen mit Christen. Die eine ist ein Dinner, das im Rahmen eines Benimmkurses stattfindet, bei dem Cohen auch das einzige Mal aus der Rolle fällt und die Frau des Pastors beleidigt, was schlicht billig ist. Diese entlarven sich aber später trotzdem als erbärmlich, als eine Nutte an der Tür klingelt, die Borat noch eingeladen hatte, und der Pfarrer dann ganz schnell nach Hause musste. In der Bibel steht das anders.

Die zweite Christenbegegnung findet in einer charismatischen Pfingstgemeinde statt. Borat hat vor der Tür in einem Schlafsack übernachtet und wird von den Gemeindemitgliedern geweckt, die in die Kirche gehen. Das ihn niemand anspricht, kann natürlich gestellt sein,

In der Kirche sieht man dann einen Pfingstgottesdienst, wie man ihn aus dem Fernsehen kennt: Leute stehen verzückt mit erhobenen Armen und geschlossenen Augen in der Gegend rum, andere hüpfen oder laufen vor der Bühne hin und her, auf der ein Pastor irgendwelche Worthülen ins Mikrofon schreit. Das dürfte also in etwa das sein, was sich Paulus unter einem nüchternen Gottesdienst vorgestellt hat. Borat steht neben einem Gläubigen, der irgendwann anfängt, seine Hand zu nhemen (so scheint es jedenfalls), um sie in die Höhe zu heben. Das geht dann weiter, bis der Patstor Leute nach vorne bittet, um was auch immer mit ihnen zu tun. Borat wird begleitet und erzählt der Gemeinde seine Geschichte kurz in seinem gebrochenen Englisch und fragt den Pastor, ob Jesus ihn, seine Frau, sein Kind u.s.w lieb hat, wobei die Gemeinde Humor beweisst: Er fragt, ob Jesus auch seinen Nachbarn lieb hätte, und als sein Gegenüber bejaht behauptet er, dass das nicht sein kann, weil niemand seinen Nachbarn mögen würde. Und die Leute lachen.

Dann wird er gesegnet, Leute brüllen auf ihn ein, während sie ihm die Hand auflegen und irgendwas in anderen Sprachen sagen, was Borat nachmacht und daraufhin noch ermutigt wird. Er lässt sich dann „erschöpft“ zu Boden fallen, wird aber ständig von irgendwelchen anderen Leuten zugetextet. Und ab.

Meine Nichtchristenfreudin zur linken und meine Christenfreundin zur rechten meinten bei dieser Szene beide, dass das absolut grauenhaft sei, und ich muss ihnen zum Größten Teil recht geben. Ich sehe allerdings auch die Ernsthaftigkeit, mit der manche Menschen so ihr Christsein leben und denke, dass sie es nicht verdient haben, so der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden. Hier treffen natürlich zwei Paradigmen aufeinander: Zum einen der postmoderne Narr, dessen Letztgewissheit eine russische Puppe ist, aus der immer noch bei Bedarf eine weitere gezogen werden kann, dort Menschen, die sich freiwillig für ihren Glauben in eine Extase begeben. Da kann es keine Kommunikation geben, und ich finde diese Szenen genauso bedrückend wie lustig.

Trotzdem kann ich mich 10x mehr mit dem postmodernen Menschen identifizieren als mit den Pfingstlern, und es tut mir weh, das Christen sich so vorführen lassen. Gut zu wissen, das Gott auch da das letzte Wort hat.


Church 2.0

Da Christen doch immer alles nachmachen müssen frage ich mich, wann die erste Worthülsenkanone von Kirche 2.0, oh sorry, das muss natürlich Church 2.0 heissen, sprechen wird. Kann ja nur noch 20 Jahre dauern.


Der Charismatiker und ich

Ich habs wohl einfach nicht mit Charismatikern.
Damals (Mitte der 80gerbis Anfang 90ger), in der rheinischen Kreisstadt, in der ich aufgewachen bin, gab es davon so einige. Mit denen zusammen hat die baptistische Jugendgruppe meiner Gemeinde für einige Jahre einen CVJM-Saal in Bahnhofsnähe für missionarische Gottesdienste genutzt, daher hatte ich häufiger Kontakt mit ihnen. Verstanden habe ich sie selten.

Am meisten wird mich wohl ihre Fixiertheit auf ihre Geistesgaben genervt haben, und als Nicht-Geistesgaben-Beschenkter fühlte ich mich damals immer etwas wie ein Christ 2.Klasse. Noch deprimierter wurde ich, als mir 2 Freunde auf Nachfrage sagten, sie könnten auch in Zugen beten. Ich habe mich für sie gefreut, aber man macht sich so seine Gedanken. Immerhin hatte ich mal eine Art inneres Bild beim Beten, das sich auf die erwähnten Gottesdienste bezog, aber das wars dann auch schon.

Richtig diskutieren ging mit meinen gefühlsbetonten Freunden auch nicht, was vielleicht daran lag, das sie aufgrund ihrer Einstellung für intellektuelle Diskussionen eh nichts übrig hatten. Dabei fand ich ihre Art, den Glauben zu leben, eigentlich immer interessant, und ich hätte auch gerne ein Verständnis dafür entwickelt, aber zumindest damals schien mir der Graben zwischen Charismatikern und, äh, Nicht-Charismatikern tiefer als der zwischen Katholiken und Protestanten.

Dabei befürchte ich, das mir einiges entgeht. Ich mir zwar nur sehr schlecht vorstellen, in einem Gottesdienst mit den Händen zu wedeln, unkontrolliert zu zucken und zu lachen, aber ich möchte offen sein für das, was Gott mit mir vorhat. Und ich glaube, ich brauche langsam mal wieder einen richtigen Fortschritt. Die Dinge, die ich tue und die sich richtig anfühlen erscheinen mir als so extrem kleine Schritte, und das geht seit Jahren nicht anders. Vielleicht habe ich ja auch wirklich „innere Blockaden„, aber es stellt sich die Frage, wo die Verbindungen von eigener Persönlichkeit und „Glaubensstil“ liegen.

Darauf gekommen bin ich über eine für mich leider ziemlich typische Diskussion mit jemandem, der den eigenen „Frömmigkeitsstil“ für „allein selig machend“ hält. In gewisser Weise kann ich das sogar nachvollziehen. Trotzdem: Man muss diese entgegengesetzt scheinenden Pole doch verbinden können.

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Seit ich dieses blog schreibe, suche ich gezielt nach christlichen blogs. Derer scheint es nicht eben viele zu geben, und sie werden anscheinend fast alle von Charismatikern geschrieben. Auch sehr viele „Jesus Freaks“ scheinen darunter zu sein; eine Bewegung, die mir schon von ihrem Sprachgebrauch her in etwa so fremd wie ist wie die Tiefsee. Seltsam, eigentlich. Haben die anderen Christen nichts zu sagen?